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01. Juli 2026

Vernetzte Räume

Zwischen Berlin und der Lausitz entsteht ein Entwicklungsraum, der Wissenschaft, Wirtschaft und ländliche Regionen enger verbinden soll. Dabei geht es um die Zukunft von Arbeit, Innovation und Leben.

Karte Berlin–Cottbus, dazwischen verschiedene Symbole, die Wirtschaftszweige, Verkehr und Wohnen symbolisieren
Zwischen Berlin und Cottbus liegt ein vielfältiger Wirtschaftsraum. © WISTA Management GmbH
Menschen mit Fahrrädern stehen vor der Baustelle eines Rohbaus
Exkursion TU-Berlin-Studierender in die Lausitz © Sarah-Juliane Starre/TU Berlin
Porträtfoto
Sarah-Juliane Starre, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Fachgebiet Stadt- und Regionalökonomie am Institut für Stadt- und Regionalplanung, Technische Universität Berlin (TU Berlin) © Matthias Glugla

Früher entschieden Menschen vor allem anhand der Entfernung zum Arbeitsplatz, wo sie leben wollten. Heute verändert sich diese Logik. „Viel wichtiger als die geografische Entfernung ist inzwischen, wie schnell und flexibel ein Ort erreichbar ist und wie oft Leute überhaupt noch pendeln müssen“, sagt Sarah-Juliane Starre vom Fachgebiet Stadt- und Regionalökonomie der Technischen Universität Berlin. Die Wirtschaftsgeografin forscht zu den räumlichen Entwicklungen der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg und dem Innovationskorridor Berlin-Lausitz.

Entlang großer Verkehrsachsen sollen Wissenschaft, Wirtschaft und neue Arbeitsorte stärker miteinander vernetzt werden.

Adlershof und der entstehende Lausitz Science Park in Cottbus bilden dabei wichtige Knotenpunkte. Dazwischen könnten neue Andockpunkte entstehen: Coworking-Spaces, Gewerbeflächen oder Produktionsstandorte.

Ganz neu ist die Idee hinter dem Innovationskorridor nicht. Schon seit Jahrzehnten entwickelt sich Berlin entlang großer Verkehrsachsen ins Brandenburger Umland. Internationale Beispiele wie der Fingerplan Kopenhagens dienten als Vorbild.

Starre beschreibt die Hauptstadt deshalb als „sternförmige Raumfigur“, den Berliner Siedlungsstern. Der Innovationskorridor Berlin-Lausitz gilt dabei als Pilotvorhaben für insgesamt elf geplante Entwicklungsachsen. Neu ist jedoch die Art, wie diese Achsen heute gedacht werden. Statt Fördermittel möglichst gleichmäßig zu verteilen, sollen bestehende Stärken gezielt miteinander verbunden werden. Wissenschafts- und Technologiestandorte spielen eine zentrale Rolle. „Sie sind die Ankerpunkte solcher Entwicklungsachsen“, sagt die Forscherin.

Von dieser Entwicklung könnten auch kleinere Städte und Gewerbegebiete entlang der Strecke profitieren. „Für Unternehmen in Adlershof, die ihre Produktion vergrößern möchten, kann Lauchhammer ein attraktiver Standort sein, da dort ausreichend große und vergleichsweise kostengünstige Flächen bereitstehen“, erklärt Starre.

Voraussetzung seien leistungsfähige Bahnverbindungen und eine gute digitale Infrastruktur. Die Idee dahinter ist in der Wirtschaftsgeografie seit Langem bekannt: Räumliche Nähe erleichtert Austausch, Kooperation und Wissensproduktion. Wichtig sei dabei das implizite Wissen, also Erfahrungen und Kompetenzen, die sich kaum schriftlich festhalten oder digital übertragen lassen. „Viele Innovationen entstehen durch persönliche Begegnungen“, sagt Starre. Gemeinsame Projekte, oder informelle Kontakte spielten dabei eine große Rolle.

In der Forschung wird das als „Cafeteria-Effekt“ beschrieben. Einen wichtigen Schub erhielt diese Entwicklung durch die Coronapandemie. Viele Beschäftigte hätten damals erstmals erlebt, dass tägliche Präsenz im Büro nicht immer notwendig sei. Wer nur noch ein oder zwei Tage pro Woche nach Berlin pendeln muss, bewertet auch längere Fahrzeiten anders als früher. Orte wie Lübbenau gewinnen dadurch an Attraktivität. Coworking-Spaces entlang der Bahnlinien könnten Arbeit und Wertschöpfung flexibler über die Region verteilen.

Nach dem Kohleausstieg versucht die Lausitz zudem, sich wirtschaftlich neu auszurichten, ohne ihre Rolle als Energieregion vollständig aufzugeben. „Die Lausitz erfindet sich nicht komplett neu“, sagt Starre. Vielmehr würden bestehende Kompetenzen in neue Bereiche überführt, etwa in Energiewendelösungen, Dekarbonisierung oder Wasserstofftechnologien.

Allerdings warnt die Forscherin davor, den Innovationskorridor nur als direkte Verbindung zwischen Adlershof und dem Lausitz Science Park zu betrachten. Viele Räume entlang der Achse seien weiterhin ländlich geprägt und stark vom Auto abhängig. Außerdem sei Regionalentwicklung mehr als ein rein ökonomisches Unterfangen. „Es wird viel über Hochtechnologien und große Investitionen gesprochen, dabei werden aber die regionalen Alltagsökonomien wie Handwerksbetriebe, kleine Dienstleister oder Dorfläden nicht mitgedacht“, sagt sie. Auch ökologische Fragen spielten bislang eine zu geringe Rolle. Zwischen Berlin und der Lausitz liegen nicht nur Entwicklungsflächen, sondern auch sensible Natur- und Kulturlandschaften.

Langfristig sieht die Forscherin darin die Chance, Berlin und Brandenburg stärker zusammenzudenken. „Das größte Potenzial liegt darin, das Beste aus beiden Welten miteinander zu verbinden“, sagt sie. Vielleicht entsteht daraus langfristig eine gemeinsame Lebenswelt.

Kai Dürfeld für Potenzial

 

Sarah-Juliane Starre - TU Berlin

Innovationskorridor Berlin – Lausitz

Potenzial – Das WISTA-Magazin. Ausgabe: Innovationskorridor, Juli 2026
  • Potenzial: Innovations­korridor (4 MB)
Potenzial Innovationskorridor

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