Berlin baut ein Zuhause für die Games-Branche
Mit dem House of Games bündelt Berlin die technologische und kulturelle Kraft der Games-Branche
Im Gespräch wirkt Roland Sillmann wie jemand, der lieber beobachtet und analysiert, als selbst zu spielen. „FIFA gegen meinen ältesten – ein Desaster“, sagt er. Zu viele Tasten, zu viele Bewegungen gleichzeitig. Doch gerade diese Komplexität fasziniert ihn, außerdem die dahinterliegenden Prozesse: große Softwareprojekte, interdisziplinäre Teams, präzise Organisation. Sein Fazit: Games sind Hochtechnologie – mit wirtschaftlicher und kultureller Relevanz.
Berlin will diese Dynamik nutzen. „Deutschland hinkt bei der Wettbewerbsfähigkeit international noch hinterher“, erklärt Felix Falk, Geschäftsführer von game – Verband der deutschen Games-Branche. „Aber wir holen auf. Die neue Bundesregierung, allen voran Dorothee Bär, treibt bessere Rahmenbedingungen entschlossen voran. Die Erhöhung der Games-Förderung des Bundes auf 125 Millionen Euro jährlich ist ein starkes Signal.“
Doch die Branche steht längst nicht mehr nur im Wettbewerb mit Köln oder München, sondern international – mit Nordamerika, Asien und zunehmend auch arabischen Märkten. „Jetzt braucht es zusätzlich die steuerliche Förderung, wie sie an erfolgreichen Standorten weltweit Standard ist, damit der Kostennachteil von rund 30 Prozent, der ohne eine solche Förderung entsteht, ausgeglichen wird. Dann hat Deutschland alles, damit Games-Unternehmen aus eigener Kraft in die globale Spitzengruppe aufschließen können“, unterstreicht Falk.
Auch Sillmann, Geschäftsführer der WISTA Management GmbH, sieht Europa als gemeinsamen Gestaltungsraum, nicht als Arena des Gegeneinanders. Games prägen Wahrnehmung, Werte und digitale Kompetenz junger Generationen. Deshalb müsse Europa präsent bleiben und eigene kreative wie technologische Standards setzen.
Die Games-Industrie hat früh verstanden, wie intuitive Mensch-Maschine-Interaktion funktioniert. Steuerungslogiken aus Spielen wirken heute in Industrie 4.0, Robotik und Simulationen – überall dort, wo schnelle Entscheidungen, räumliche Orientierung und simultane Eingaben nötig sind. Besonders im Bereich Defence zeigt sich die Nähe zwischen spielerisch erlernten Fähigkeiten und professionellen Anwendungen: Wer Drohnen souverän steuert, trainiert häufig auf genau solchen Prinzipien.
Mit dem House of Games möchte Berlin ein strukturelles Fundament für diese Entwicklung schaffen. Kein abgeschotteter Ort, sondern ein Knotenpunkt für Kooperation: Studios, Technikdienstleister, Audio- und Motion-Capturing-Fachleute arbeiten hier Tür an Tür.
Das Erdgeschoss ist als offener Kommunikationsraum angelegt – mit Studios, Event-Flächen und Cafeteria. Darüber liegen Räume für kleine Teams, weiter oben größere, frei gestaltbare Flächen. Ziel ist ein Umfeld, in dem Begegnung Innovation begünstigt und Projekte schneller marktreif werden.
Benedikt Grindel, Chef der deutschen Ubisoft-Studios, spricht von einem „Game-Changer“ für Berlin und darüber hinaus: „Das House of Games ist ein wegweisendes Projekt für die Branche. Als großes internationales Unternehmen ist für Ubisoft ein vielfältiges Umfeld wichtig, um einen Standort langfristig zu entwickeln. Wir brauchen ein Ökosystem aus großen, mittleren und kleinen Unternehmen, eine echte digitale Spiele-Entwicklungs-Kultur.“ Auch Falk ist überzeugt: „Das House of Games Berlin ist ein Leuchtturm – für die Hauptstadt und für den gesamten Games-Standort Deutschland.“
Die Wahl für das House of Games fiel nach Prüfung von rund 80 Objekten auf das Lux-Gebäude an der Warschauer Brücke. Es verbindet Sichtbarkeit, urbanen Kontext und flexible architektonische Struktur. Die industrielle Außenhaut bleibt erkennbar, das Innere wird auf modernste technische Infrastruktur und modulare Nutzung ausgelegt – geeignet für Start-ups ebenso wie für größere Studios. Sicherheit, Rückzugsmöglichkeiten und räumliche Nähe zu Ausbildungsinstitutionen schaffen zusätzlich einen Standortvorteil. Damit erfüllt das Gebäude zentrale Anforderungen an ein Innovationszentrum mit internationalem Anspruch.
Das House of Games soll Talente anziehen, digitale Kompetenz bündeln und Impulse über die Games-Branche hinaus setzen – etwa in Fintech, KI und industrieller Digitalisierung. Wer früh in Game-Studios Softwareentwicklungsprozesse lernt, kann später Innovationen auch in anderen Technologiefeldern vorantreiben. Für Berlin ist das ein strategischer Weg, internationale Fachkräfte langfristig an die Stadt zu binden.
„Unser Know-how liegt im Aufbau von Innovationsumgebungen und der Bereitstellung verlässlicher Entwicklungsbedingungen“, sagt Sillmann. Die WISTA arbeitet dafür eng mit dem Berliner Senat, Ubisoft, dem Branchenverband game und einem entstehenden Mieterbeirat zusammen. Dieser soll Qualität sichern und darüber wachen, welche Akteure zur Kultur des Hauses passen. Inhaltlich fragwürdige Anbieter werden nicht aufgenommen – Offenheit und Fairness sind zentrale Prinzipien.
Für die Öffentlichkeit wird das House of Games vor allem Symbol sein, kein Ort für regelmäßigen Publikumsverkehr. Sichtbar soll es dennoch sein: als Zeichen dafür, dass Games ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sind, der Wert schafft, Innovation ermöglicht und europäische Wettbewerbsfähigkeit stärkt.
In zehn Jahren, so Sillmanns Erwartung, wird das Gebäude möglicherweise zu klein sein. Dann soll das House of Games längst ein Begriff sein – ein Ort, an dem Gaming, Technologie und Industrie gemeinsam an neuen Lösungen arbeiten. Vielleicht größer, vielleicht erweitert – aber fest verankert auf der europäischen Innovationskarte.
Rico Bigelmann für Potenzial
- WISTA Management GmbH - Standortentwicklung und Wirtschaftsförderung in Berlin
- game – Verband der deutschen Games-Branche e.V.
- Ubisoft




