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10. Juli 2026

Muttasprache Berlinerisch

Essay der Berliner Autorin Lea Streisand

Berliner Bär hilft einem Kind bei den Hausaufgaben und schreibt in sein Heft
Illustration: D. Mahnkopf © WISTA Management GmbH

Die gute Mutter ist bekanntlich reine Fiktion, ein Ideal und selbst in den Märchen der Brüder Grimm lediglich tot denkbar. Aber ich bin trotzdem die schlimmste Mutter der Welt.

Das Kind war krank. Bronchitis. Die ganze Woche. Als gute Bundesbürger:innen haben mein Mann (a. k. a. der beste Vater der Welt) und ich uns selbstverständlich nicht krankschreiben lassen, sondern abwechselnd im Homeoffice geschuftet, bis uns die Hutschnur geplatzt ist.

Also ich bin immer im Homeoffice. Ich nenne es Arbeitszimmer. Oder Schreibtisch. Aber normalerweise atmet mich da nicht permanent eine kleine Bazillenschleuder von der Seite an, die keinen Bock auf Hausaufgaben hat und mir stattdessen über die Schulter schielt und jedes Mal, wenn ich kurz davor bin, einen klaren Gedanken zu fassen, mich so ganz sanft mit Zweitklässlerzeigefinger mit noch ’nem Fitzelchen Popel unterm Nagel von der Seite anstupst und flüstert: „Mami?“

„Was?“, sage ich. Er zeigt mir sein Übungsheft Deutsch. „Ja, jut“, sage ich. „Komm weiter.“

Typisch Berlinerin. Nie einfach loben können, immer gleich noch ’nen Verbesserungsvorschlag hinterher. Hab’ ich schon bei meiner Großmutter geliebt: „Ditt Kleid hättste ja ooch nomma bügeln könn’, wa?“ Oder: „Deina Haarbürste sind wohl die Zinken ausjegangen ...“ Oder, ganz schlimm: „Naja, Hauptsache, du find’st dich schön!“

Jetzt bin ich selber so. „Komm Schätzchen“, sage ich, „noch drei Seiten.“

„Ich weiß aba nich, was ich da machen soll!“, nörgelt das Kind. Schon bei dem Tonfall krieg’ ich das Kribbeln.

Aber Lea, sage ich mir, sei kein Arsch, in ein paar Jahren muss der deine Rente zahlen und die seines Vaters und die seiner Oma vermutlich auch, da kannst du ihm jetzt fünf Minuten deiner Aufmerksamkeit schenken.

„Zeig her“, sage ich.

Er zeigt die Seite in seinem Übungsheft Deutsch und ganz oben steht: Verbinde und schreibe die Wörter auf.

„Ich versteh nich, was ich da machen soll“, jammert das Kind.

„Na ditt vasteh’ ick“, sage ich, „dass de ditt nich vastehst, ditt is ja och völlich unvaständlich! Ditt is überhopt keen Satz. Verbinde und schreibe die Wörter auf. Ditt is enfach falsch. Verbinde die Wörter auf … Uff watt denn? Auf einer Skala von Sozialhilfeempfänger bis Privatflugzeug? Welche Wörter denn, welche Verbindungen?“

Mein Sohn wird nervös. „Mami!“

„Was?!“, sage ich. „Das is einfach falsch. So muss das heißen ...“ Ich bringe den Satz durch Korrekturzeichen und Ergänzungen in die richtige Reihenfolge: „Verbinde die Wörter und schreibe sie auf. So isses richtich.“

Mein Sohn wird hektisch: „Nich“, sagt er. „Da dürfen wir nicht reinschreiben.“

„Ick bin Schriftstellerin“, sage ich, „ich darf das.“

Er guckt unglücklich. Ich streiche ihm durchs güldene Haar. „Komm Spatzi“, sage ich, „mach ma fertig und noch die nächste Seite und dann machen wa Eierkuchen.“

Als ich später auf die nächste Seite gucke, geht es um Fragewörter.

1. Schreibe die passenden Fragewörter in die kurzen Lücken.
Die Fragen stehen schon da: … ist dein Name? Nur die Pronomen fehlen wer, wie, was usw.

2. Beantworte die Fragen.
Mein Sohn hat ganz ordentlich eingesetzt: WIE ist dein Name? WAS ist dein Hobby?

Die Antworten stimmen auch: Mein Hobby ist Lego bauen. Seinen Namen kann er auch schreiben. Und immer im ganzen Satz. Subjekt, Prädikat, Objekt, Punkt.

WO kommst du her? – Ich komme aus Berlin.

Und, Achtung, jetzt kommt’s: WER ist dein Vorbild? Antwort: Mein Vorbild ist meine Mama.

Was so eine Aussicht auf Eierkuchen bewirken kann.

Letzte Frage: WARUM ist das so? Antwort meines Sohnes: Weiel es einfach so ist.

WEIEL. Mit verstärkendem E hinten. Für wenn die Frage sehr doof war und die Antwort von vornherein klar wie Kloßbrühe. Wie bei NEIEN oder NICHE.

Vielleicht bin ich gar nicht die allerschlechteste Mutter der Welt. Die Muttersprache des Kindes ist jedenfalls definitiv Berlinerisch.

 

Lea Streisand schreibt Romane („Hätt’ ich ein Kind“, „Berlinerisch – Watt denn, icke?“), Essays für FAZ, taz, Süddeutsche. „Muttasprache Berlinerisch“ ist Teil ihrer radioeins-Hörkolumne „War schön jewesen“.

Lea Streisand

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