Kühner Start – trotz Covid-19: Was treibt Gründungswillige an? Zwei Teams aus der Gründerwerkstatt Adlershof berichten

05. Januar 2021

Kühner Start – trotz Covid-19

Was treibt Gründungswillige an? Zwei Teams aus der Gründerwerkstatt Adlershof berichten

Stipendiaten der Gründerwerkstatt Adlershof: Cuong To Tu und Christian Wirsching © WISTA Management GmbH

Stipendiaten der Gründerwerkstatt Adlershof: Cuong To Tu (l.) und Christian Wirsching bauen eine Technologieplattform für Protein-Engineering auf © WISTA Management GmbH

Der Schritt in die Selbstständigkeit setzt schon in normalen Zeiten viel Mut voraus. Was treibt Gründungswillige dazu, ihn im Seuchenjahr 2020 zu wagen? – Zwei Teams aus der Gründerwerkstatt Adlershof berichten.

Anfang 2020. Nach ersten Berichten aus Wuhan schien die Corona-Pandemie für Florian Berg und Julius Wiesenhütter vage wie eine Fata Morgana in jener Wüste in Oman, die sie per Jeep durchquerten. Die Studienfreunde sprachen dabei über ihr Leben, ihre berufliche Zufriedenheit und ihre Ziele. Nach dem Betriebswirtschaftsstudium hatten sie erste Stationen in Start-ups und einer Strategieberatung absolviert. Erfüllt waren sie davon nicht. Sie hatten Lust, selbst etwas aufzubauen.

Ein Ansatz: Sie kannten aus ihrem privaten Umfeld beide das Problem, zuverlässige Pflege für Angehörige zu finden. „Zurück in Deutschland haben wir Pflegefirmen und -einrichtungen angesprochen, um die Gründe ihrer Probleme zu analysieren“, berichtet Berg. Ihr Befund: Wegen des Fachkräftemangels sind sie oft außerstande, Ausfälle zu kompensieren. Zugleich hindern ihre Überlastung und die komplexe Bürokratie sie daran, Fachkräfte im Ausland zu rekrutieren. Dabei suchen weltweit so viele junge Menschen händeringend eine berufliche Perspektive. Die Freunde beschlossen, Brücken zwischen den Welten zu bauen. Trotz Corona kündigten sie ihre sicheren Jobs und starteten die Planungen für ihr Start-up Fachkraft1.

„Wir bringen Unternehmen und Einrichtungen aus Branchen mit Fachkräftemangel mit Fachkräften oder mit Auszubildenden aus Ländern mit Fachkräfteüberschuss zusammen“, erklärt Wiesenhütter. Dafür entwickelt Fachkraft1 einen softwaregestützten Prozess. „Service as a Software“, so ihr Claim. Die Gründer bauen ein internationales Netzwerk aus Bildungseinrichtungen auf, bei denen Arbeitgebende gezielt nach etwaigen Bewerbenden fragen und diese in Webmeetings kennenlernen können. Stimmt die Chemie, startet eine mehrstufige fachliche, sprachliche und kulturelle Qualifizierung. Parallel klären die Gründer sämtliche Formalien gemäß neuem Fachkräfte-Einwanderungsgesetz und helfen Jobsuchenden bei der Wohnungssuche in Deutschland. „Das neue Gesetz erlaubt es uns, diesen Prozess für verschiedenste Branchen zu standardisieren“, so Berg.

Dem Aufbau ihrer Kontakt- und Serviceplattform stehen aktuell Reisebeschränkungen im Weg. Doch dank Webmeetings wächst ihr Netzwerk trotzdem, denn der Fachkräftemangel ist ein längerfristiges Problem als Covid-19. Hinzu komme die allseits gewachsene Bereitschaft, online zu kommunizieren und sich auf digitale Prozesse einzulassen.

Ähnliches berichtet das Team Cinference, das wie Fachkraft1 in der Adlershofer Gründerwerkstatt gründet und dabei von Mentoring, Coachings, Workshops und von einem einjährigen Stipendium in Höhe von 2.000 Euro pro Monat und Person profitiert. Cinference-Gründer Christian Wirsching sieht das Pre-Seed-Programm als „optimale Basis, um unsere Geschäftsidee weiterzuentwickeln und sie anhand der Marktresonanz zu präzisieren“.

Mit seinem Mitgründer Cuong To Tu arbeitet er daran, Methoden des Deep Learnings für das Protein-Engineering nutzbar zu machen. Das Duo ist das, was Personalverantwortliche High-Potentials nennen: An Top-Unis in Aachen, London und Peking ausgebildet, Stationen bei McKinsey, im IBM-Entwicklungslab Zürich, einem Fraunhofer Institut und Einrichtungen in Dublin und Berlin. Cuong ist als Ingenieur seit 15 Jahren auf Machine Learning spezialisiert. Gefunden hat er Wirsching im „Entrepreneur First”-Programm, das Gründungswillige aus aller Welt zusammenführt.

Anfangs planten sie eine Technologieplattform für die Finanzbranche. Doch die Gespräche mit möglichen Kunden ließen sie umdenken. Nun übertragen sie ihre prototypisch entwickelte Plattform auf Proteine. Oder genauer: Protein-Engineering durch die gezielte Kombination verschiedenster Aminosäuren für Anwendungen in der personalisierten Medizin, Biotech- sowie Pharma- und Materialforschung. „Von Anwendern aus diesen Bereichen wissen wir, dass der Einsatz von Machine Learning im Laborbereich noch in den Kinderschuhen steckt, obwohl es aus Hochdurchsatzverfahren eine breite Datenbasis für systematische Analysen gibt“, erklärt Wirsching.

Die Komplexität ist enorm. Varianzen auf atomarer Ebene können für die Funktion eines Proteins bei einem bestimmten Krankheitsbild entscheidend sein. Die richtige Verkettung von Aminosäuren zu finden, gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Mit ihrer Software möchten beide Gründer per Deep Learning neue vielversprechende Kombinationen in Daten von Wissenschaftler/-innen und Pharmaentwicklern/-innen aufspüren – und lernen, deren Funktion vorherzusagen. Dass sie dafür in die Gründerwerkstatt Adlershof gezogen sind, war eine bewusste Wahl. Die Cluster vor Ort, die Dichte an Forschungseinrichtungen und die konkrete Starthilfe haben sie überzeugt. Trotz aller Planung konnten sie natürlich nicht ahnen, dass gerade jetzt ein Virus die Welt heimsucht. Doch das hält sie nicht ab. „Ich habe den Eindruck, dass Partner und Forschende sogar besser erreichbar sind als sonst. Und dass wir sie in Webmeetings treffen, statt zu ihnen zu reisen, schont unser knappes Budget“, sagt Wirsching.

Von Peter Trechow für Adlershof Journal