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07. Juli 2026

Choreografie in Bronze

In der Kunstgießerei Altglienicke entstehen durch historisches Handwerk moderne Unikate

Anke Schirlitz neben einer Bronzeskulptur
Anke Schirlitz mit Ingeborg Hunzingers „Tanzpaar“ © WISTA Management GmbH
Zwei Personen in silbernen Schutzanzügen bedienen einen glühenden Schmelztiegel, der an einem Kran hängt.
Der Tiegel wird aus dem Ofen geholt und für den Gießvorgang vorbereitet. © WISTA Management GmbH

Bronzeguss ist eine der ältesten Techniken der Kunstgeschichte. In der Kunstgießerei Altglienicke trägt Anke Schirlitz die Liebe zum Kunstwerk weiter. Der Zufall hatte die Kulturmanagerin und gelernte Kunsthistorikerin zur Gießerei gebracht: „2012 suchte der damalige Inhaber Marco Flierl eine Assistentin der Geschäftsführung. Anfangs reizte mich die Verbindung von Kunst, Handwerk und Organisation. Doch je tiefer ich in die Arbeit eingetaucht bin, desto mehr hat mich die besondere Verbindung aus künstlerischer Idee und handwerklicher Präzision begeistert.“

2015 übernahm Schirlitz die Gießerei und zog 2020 in die Wegedornstraße in eine neu errichtete 600 m² große Werkhalle um: „Wir sind sehr glücklich an unserem Standort. Mit den großen Fenstern hat die Werkhalle Ateliercharakter. Wir haben hier kurze Wege, was wichtig ist, damit sich die Kolleg:innen während des Arbeitsprozesses gut absprechen können.“ Acht Bildhauerinnen, Formenbauer und Ziseleurinnen arbeiten Hand in Hand. Viele Arbeitsschritte sind nötig, bis das Kunstwerk aus Bronze oder Aluminium im Wachsausschmelzverfahren entsteht.

Alles beginnt mit einem Ausgangsmodell, das oft aus Gips, Ton, Holz oder sogar Knetmasse besteht. „Wir haben schon für den Maler Ruprecht von Kaufmann Lederschuhe abgeformt und in Bronze gegossen, für die japanische Künstlerin Chiharu Shiota gipsverstärkte Kleider oder eine Lederjacke für die Objektkünstlerin Alexandra Bircken.“ Was das Material angeht, sind dafür fast keine Grenzen gesetzt. In der Formerei werden die Modelle mithilfe von Silikon abgeformt. „Es entsteht zunächst eine Negativform. Die Maximalgröße gibt der Ofen vor. Bei uns sind bis zu 1,20 Meter im Ganzen gießbar.“ Für größere Bronzen werden mehrere Formen benötigt. „Am Originalmodell wird die Teilungsnaht aus Ton angelegt und dann Silikon aufgesprüht, anschließend stabilisiert Gips das sehr flexible Silikon.“ Um das Wachsmodell herzustellen, wird die Silikonform mit Wachs ausgepinselt und geschwenkt, bis eine drei bis vier Millimeter dünne Wachsschicht entsteht.

Die Wachsmodelle bekommen Angusskanäle, damit sich die Bronze im späteren Gießprozess verteilt und im Anschluss in eine flüssige Ziegelmehl-Gips-Masse einbettet. Im Trockenofen brennt die sogenannte Schamottemasse fest, das Wachs schmilzt aus, so dass in den Hohlraum die Bronze gegossen werden kann. Dieser Brennprozess dauert bis zu sechs Tage. Der eigentliche Gussvorgang passiert recht schnell, damit die auf 1.130 Grad erhitzte Bronze nicht erkaltet.

Am nächsten Tag kann der Guss freigelegt werden. „Die Schamottemasse wird abgeklopft und der innere Schamottekern mit Wasser abgekärchert. Nach der Säuberung werden die Angusskanäle am Rohguss abgetrennt und die Oberfläche nachbearbeitet. Dieser Vorgang, das Ziselieren, findet mit kleinen, meißelartigen Werkzeugen und kleinen Hämmerchen statt.“ Im letzten Arbeitsschritt, der Patinierung, wird die Oberfläche nach den Vorstellungen der Künstler:innen eingefärbt. Dabei kommen Kupfernitrat (grün), Eisennitrat (rot) oder auch Schwefelleber (braun) zum Einsatz, die mit der Bronze eine chemische Reaktion eingehen. „Für die richtige Patina ist ein großes Gespür für Temperatur und den richtigen Moment nötig.”

Zum Schluss wird das Kunstwerk mit Wachs konserviert und für Glanz angebürstet. Der kostspielige Vorgang dauert, wenn es schnell geht, vier Wochen, aufwendigere Projekte, wie eine fünf Meter hohe „Dürer-Säule“ zum 500-jährigen Jubiläum des Deutschen Bauernkriegs in Mühlhausen, auch mal sechs Monate. Das lebensgroße Panzernashorn mit 3,40 Meter Länge und 1,60 Meter Höhe im Berliner Zoo hat seinen Ursprung ebenfalls in Altglienicke. Bei Ingeborg Hunzingers „Tanzpaar“ aus den 1960er Jahren vom S-Bahnhof Plänterwald waren Zopf und Arm abgebrochen. Sie wurden wieder angeschweißt und patiniert. Eine hilfreiche Allianz: Vermieter Bernd Helmich, betreibt auf demselben Gelände seine Werkstatt für Metallrestaurierung.

Besonders freut es Schirlitz, wenn sich junge Leute für die Kunst begeistern. „In Marzahn-Hellersdorf haben Schüler:innen der 1. bis 3. Klasse mit dem Künstler Lukas Liese Fabelwesen für ein Wandrelief entwickelt. Liese zeichnete die Skizzen rein, ein 3D-Wachsmodell wurde gedruckt und in Bronze gegossen.“ Die Kinder besuchten schließlich die Gießerei: „Sie waren sehr interessiert und haben wunderbare Fragen gestellt.“ Im ersten Stock der Kunstgießerei befindet sich die hauseigene Galerie Aquarium, denn als Kunsthistorikerin hat Schirlitz nicht nur ein Herz, sondern auch ein Auge für die Kunst.

Susanne Gietl für Adlershof Journal

 

Kunstgießerei Altglienicke

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