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04. März 2026

Zukunft am Apparat

Essay von Tina Klüwer, KI-Forscherin, Gründerin eines KI-Unternehmens und Autorin

Ein besorgter Geschäftsmann betrachtet eine sinkende Kurve, im Hintergrund kämpft eine Forscherin um Aufmerksamkeit.
Illustration: Dorothee Mahnkopf © WISTA Management GmbH

„Am Apparat!“, meldeten sich Gesprächsteilnehmende in den Anfängen des Telefons. Stolz, eine dieser bahnbrechenden Maschinen ihr Eigen nennen zu können.

Woher kam die neue Technologie? Die meisten denken bei den Ursprüngen des Telefons an die USA und Alexander Graham Bell. Nicht viele kennen hingegen Philipp Reis. Bereits 1861 präsentierte der deutsche Physiklehrer sein „Telephon“, ein Gerät zur Sprachübermittlung, das dem menschlichen Ohr nachempfunden war. Doch niemand nahm ihn ernst. Er erhielt keine Finanzierung und starb 1874 an Tuberkulose, ohne den Durchbruch der Telefonie zu erleben.

Seine Apparate wurden dennoch weltweit studiert, auch von Alexander Graham Bell. Bell gelang es, mit einer Neuentwicklung der Idee zu überzeugen. Gemeinsam mit seinem künftigen Schwiegervater, einem Assistenten und einem Finanzier gründete er die Bell Company und meldete das Telefon 1876 zum Patent an. Es war der Beginn einer jahrzehntelangen Erfolgsgeschichte.

Ein Deutscher erfindet, in den USA reift es zum Markterfolg. Nur ein historisches Beispiel oder auch ein Spiegel der aktuellen Innovationskrise in Deutschland?

Deutschland steckt in der Rezession, während sein Wissenschaftssystem Spitzenleistungen produziert. Deutsche Universitäten belegen vordere Plätze, die Publikationsqualität ist exzellent. Doch dieser Erfolg schlägt sich kaum in wirtschaftlicher Dynamik nieder. Während die USA und China aus Forschung milliardenschwere Industrien entwickeln, verharrt Deutschland im Muster: Wir erfinden, andere vermarkten. Bei Zukunftstechnologien wird diese Lücke besonders deutlich. Softwareplattformen für Milliarden Menschen kommen aus den USA, KI-Systeme werden von amerikanischen und chinesischen Konzernen dominiert, Cloud-Computing wurde in Deutschland lange Zeit kaum ernst genommen.

Dabei sind Innovationen – wie der Wirtschaftsnobelpreis 2025 erneut gezeigt hat – ein zentraler Treiber von Wachstum und Wohlstand. Erfindungen sind das Saatgut dieser Innovationen. Schätzungen zufolge bleiben jedoch bis zu 75 Prozent aller Erfindungen der deutschen Wissenschaft außerhalb des Forschungsbetriebs ungenutzt. Gleichzeitig sinkt die Innovationsfähigkeit Deutschlands seit Jahren. Erstmals fiel Deutschland 2025 aus den Top 10 des Global Innovation Index, der die Innovationskraft von 140 Volkswirtschaften weltweit vergleicht.

Sinkender Wohlstand ist dabei nur eine Seite der Medaille. Mit wachsender wirtschaftlicher Abhängigkeit werden Deutschland und Europa auch politisch und strategisch verwundbar. Gerade bei digitaler Infrastruktur, Software, Computing und Mikrochips sind wir auf externe Lieferanten angewiesen, teilweise aus Ländern mit systemischen Rivalitäten. Bei KI-Infrastruktur droht eine ähnliche Abhängigkeit.

Dabei verfügen wir neben exzellenter Forschung auch über eine traditionell starke Talentbasis und hervorragende Ausbildung. Der nächste Apparat der Zukunft kann durchaus aus Deutschland kommen, doch dafür ist ein systemischer Wandel notwendig. Was fehlt, ist die belastbare Brücke zwischen Labor und Markt. Um sie zu schlagen, braucht es nicht nur die Finanzierung erstklassiger Forschung, sondern auch genug Kapital für neue Produkte und Geschäftsmodelle, die Förderung von Ausgründungen, Talentmobilität statt Silo- denken, Toleranz für Scheitern, den Abbau regulatorischer Hürden und eine öffentliche Beschaffung, die Innovation ermöglicht.

Es braucht Lust auf das Neue und Überwinden von alten Beharrungskräften. Die strikte Trennung von Wissenschaft und Wirtschaft hat sich überlebt. Nur wenn beide Sphären gemeinsam denken, Talente, Ressourcen und Belohnungsstrukturen teilen, kann Erkenntnis ihre volle gesellschaftliche Wirkung entfalten. Für einen erfolgreichen Wandel reicht es nicht, dass ein neuer Apparat in Deutschland erfunden wird. Deutschland muss als Ganzes zum Zukunftsapparat werden.

Tina Klüwer ist KI-Forscherin, Gründerin eines KI-Unternehmens und Autorin des Buches „Zukunft made in Germany“. Sie unterstützt Start-ups aus der Wissenschaft, berät Politik und Unternehmen und spricht zu technologischer Souveränität, KI und Innovation.

Buch „Zukunft made in Germany“: https://www.rowohlt.de/buch/tina-kluewer-zukunft-made-in-germany-9783498007607

Tina Klüwer: Expertin für Künstliche Intelligenz und Innovation

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