Wissenschaft als Standortfaktor: Der Regierende Bürgermeister Berlins und Wissenschaftssenator Michael Müller über Talenteeinwerbung, die Brückenfunktion der Zukunftsorte und den Adlershofer Universitätsausbau für angehende Sportlehrerinnen und -lehrer

30. Oktober 2019

Wissenschaft als Standortfaktor

Der Regierende Bürgermeister Berlins und Wissenschaftssenator Michael Müller über Talenteeinwerbung, die Brückenfunktion der Zukunftsorte und den Adlershofer Universitätsausbau für angehende Sportlehrerinnen und -lehrer

Michael Müller © Lena Giovanazzi

Michael Müller sieht Berlin auf gutem Weg zu einer international führenden Forschungsmetropole © Lena Giovanazzi

Adlershof Journal: Herr Regierender Bürgermeister, ein Blick in die Glaskugel: Wie soll die Wissenschaftsstadt Berlin 2030 aussehen?

Sie wird auf jeden Fall moderner aussehen, internationaler und definitiv auch weiblicher. Wir erhöhen gerade die Investitionsmittel für den Bau- und Sanierungsbedarf in der Wissenschaft von zwei auf gut fünf Milliarden Euro für die nächsten fünfzehn Jahre, das wird an allen Standorten sehr sichtbar werden. Die Zahl der internationalen Talente in Berlin steigt. Und fast die Hälfte aller Rufe auf Professuren in Berlin ging schon dieses Jahr an Wissenschaftlerinnen. Unser Anspruch muss sein, dass unsere Stadt in zehn Jahren zu den wichtigsten Forschungsmetropolen weltweit gehört.

Welchen Beitrag kann ein Zukunftsort wie Adlershof, können die anderen zehn Berliner Zukunftsorte dazu leisten?

Hand aufs Herz – wie viele hätten vor 30 Jahren geglaubt, dass Adlershof zum absoluten Musterbeispiel eines erfolgreichen Wissenschafts- und Technologieparks wird? Genau da sind wir jetzt und das wird auch international stark wahrgenommen. Es ist kein Zufall, dass bei meiner Reise als Bundesratspräsident nach Australien letztes Jahr ein Abkommen zwischen Adlershof und dem Tonsley Innovation District aus Adelaide auf der Agenda stand. Adlershof und die anderen Zukunftsorte spielen für die Weiterentwicklung Berlins als Innovationsstandort eine zentrale Rolle, sie erfüllen eine unverzichtbare Brückenfunktion zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

Wie viele Technologiestandorte verträgt die Hauptstadt und wie viel ist Berlin bereit, dafür zu investieren?

Unser Vorteil ist, dass sich die Wissenschaft über die ganze Stadt verteilt, Hochschulen und Forschungsinstitute gibt es in fast allen Bezirken. Deshalb ist es richtig, dass sich die inzwischen elf Zukunftsorte – Siemensstadt kam ja vor kurzem dazu – ebenfalls über die Stadt verteilen und je nach Standort eigene Profile entwickeln. So profitiert ganz Berlin von der wirtschaftlichen Dynamik, die von ihnen ausgeht. Bei Investitionen gibt es natürlich verschiedene Bedarfe und Dimensionen, in Adlershof sehen  diese anders aus als im entstehenden FUBIC in Dahlem oder dem künftigen TXL Campus. Die Mittel, die das Land dafür einsetzt, sind erheblich. Der gesamte Innovationsbereich ist die wichtigste Grundlage für eine nachhaltig positive Entwicklung Berlins.

Warum ist die Wissenschaft für Berlin als Wirtschaftsstandort ausschlaggebend?

Ohne die Wissenschaft hätten wir die Arbeitslosigkeit in Berlin nicht halbieren können, ohne sie wären wir nicht Start-up-Hochburg Europas, ohne sie würden internationale Konzerne wie Siemens oder SAP nicht hunderte Millionen Euro in Berlin investieren. Und ohne sie säßen in Adlershof nicht 90 Firmen, die als Weltmarktführerinnen gelten. Unsere Hochschulen und Forschungsinstitute treiben Innovationen voran, sie sind gründungsstark und bilden zigtausende Nachwuchskräfte aus.

Ist es mithilfe der Wissenschaft schaffbar, dass Berlin auch wieder eine bedeutende Industriestadt wird?

Ja, und zwar nur mithilfe der Wissenschaft. Alle Untersuchungen der letzten Jahre bestätigen: Berlin ist auch als Industriestandort im Aufwind, weil die produzierenden Unternehmen hier an eine vielfältige Forschungslandschaft andocken können. Und vor allem finden sie hier die notwendige Expertise, um sich für das Zeitalter der Digitalisierung fit zu machen. Der Senat unterstützt diese Prozesse mit dem Masterplan Industriestadt und mit vielen  konkreten Maßnahmen, wie etwa zusätzlichen Professuren für die Bereiche additive Fertigung oder neuartige Materialien.

Eine europäische Wissenschaftshauptstadt braucht kluge Köpfe. Wie kann es gelingen, diese klugen Köpfe nach Berlin zu locken – und sie hier zu halten?

Das gelingt uns immer besser, auch wenn wir natürlich durch die Grenzen des öffentlichen Dienstes nicht immer konkurrenzfähig sind mit milliardenschweren US-Universitäten. Dennoch: Durch die Investitionen in die Forschungsinfrastruktur und Hochschulen können wir in vielen Bereichen aufholen, zudem nimmt das Engagement privater Stiftungen zu, wie die Zusage der Damp-Stiftung über 30 Millionen Euro für internationale Spitzenberufungen im Sommer zeigte. Wir sorgen gesetzgeberisch für mehr Spielräume, zuletzt durch Anpassungen im Besoldungsgesetz, das den Hochschulen bei Juniorprofessuren und bei Bleibeverhandlungen neue Handlungsmöglichkeiten einräumt. Auch das Thema Tenure Track Professur ist mir wichtig. Die gesetzlichen Grundlagen dafür sind da und beim Bundesprogramm haben unsere Universitäten just 79 zusätzliche Professuren eingeworben. Jetzt sollten wir diesen Weg konsequent gehen, damit der Tenure Track in Berlin künftig zur Regel wird.

Berlin investiert Milliarden in die Wissenschaft. Der Bau des Integrative Research Institute for the Sciences IRIS Adlershof steht vor der Eröffnung. Sind weitere Wissenschaftsneubauvorhaben für Adlershof geplant?

Ich möchte einen Punkt hervorheben, weil er mir sehr am Herzen liegt. Zusammen mit der Humboldt-Universität werden wir in Adlershof Gebäude für die Lehrkräftebildung ausbauen, geplant sind konkret Seminarräume und eine Sporthalle für angehende Sportlehrerinnen und -lehrer. Das ist vielleicht eine Seite, die nicht vielen in Adlershof bekannt ist, aber für die Bedarfe unserer Stadt eine große Bedeutung hat.

Berlin setzt auf Teamplayer und war mit der Berlin University Alliance im Exzellenzwettbewerb erfolgreich. Wie können für einen integrierten Berliner Forschungsraum außeruniversitäre Einrichtungen und die Berlin University Alliance noch besser zusammenarbeiten, welche Strukturen brauchen wir dafür?

Der Berliner Teamgeist und der großartige Erfolg im Exzellenzwettbewerb hat sogar meinen bayrischen Amtskollegen alarmiert, wie man neulich in der Süddeutschen Zeitung lesen konnte. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Idee eines integrierten Forschungsraums und die strukturelle Kooperation zwischen den Universitäten und auch außeruniversitären Forschungseinrichtungen der logische nächste Schritt ist, um Berlin zur international führenden Forschungsmetropole zu entwickeln. Dafür sind Themen wie gemeinsame Nachwuchsförderung, gemeinsame Berufungen und gemeinsame Nutzung von Forschungsinfrastruktur zentral. Hier sind wir sicherlich noch nicht am Ende des Möglichen und müssen bestehende Hürden weiter abbauen.

Im November findet wieder die Berlin Science Week statt. Adlershof war auch in diesem Jahr Austragungsort eines Vorentscheids des Falling Walls Lab. Wie wichtig sind solche Veranstaltungen und Wettbewerbe für Berlin?

Zunächst herzlichen Glückwunsch, dass Adlershof wieder den erfolgreichsten ‚Falling Walls Lab‘-Vorentscheid veranstaltet hat. Die Science Week und die ‚Falling Walls‘-Konferenzen und Labs  machen Berlin als Wissenschafts- und Innovationsstandort international noch sichtbarer. Zusammen mit der Langen Nacht der Wissenschaften geben sie zudem den Berlinerinnen und Berlinern die Möglichkeit, auf Tuchfühlung mit der Forschung zu gehen. Das ist wichtig, damit die Menschen den großen Forschungsreichtum in unserer Stadt erleben können. Deshalb unterstützt der Senat diese Formate auch finanziell.

Adlershof wächst, Berlin wächst. Die Infrastruktur hält mit dem Wachstum nicht mehr Schritt. Schon heute leiden knapp ein Drittel der in Adlershof tätigen Menschen unter Pendlerstress. Wie unterstützt der Senat die Verkehrswende in Adlershof?

Adlershof hat sich rasant entwickelt und wächst weiterhin, das ist positiv, stellt aber auch erhöhte Anforderungen an die Verkehrsanbindung. Die Verlängerung der Straßenbahn M17 von Schöneweide über den Groß-Berliner Damm nach Adlershof, zur Karl-Ziegler-Straße ist gerade im Planfeststellungsverfahren. Ab 2021 kann es damit eine zusätzliche, leistungsfähige Anbindung an den Regional- und S-Bahnhof Schöneweide geben – und umsteigefreie Verbindungen in Richtung Karlshorst und Hohenschönhausen. Die Entwicklung in Adlershof muss genau verfolgt werden, das gilt natürlich auch für weitere Bedarfe, die sich daraus ergeben.

Um die Klimawende zu beschleunigen, streiken Jugendliche, Forschende, Unternehmer bei Fridays for Future, dem Researcher-Streik und Entrepreneurs for Future Berlin. Welche Impulse setzen Sie zur Klimawende?

Es gibt nicht die eine Zauberformel. Wir müssen auf verschiedenen Ebenen an einem Strang ziehen, wenn uns die Wende gelingen soll. Auf unsere Stadt kommt es an, auf die einzelnen Institutionen und natürlich wird auch jeder Einzelne von uns dazu beitragen müssen. Mit dem Berliner Energie- und Klimaschutzprogramm 2030 hat der Senat vergangenes Jahr eine Reihe konkreter Maßnahmen beschlossen, um das Ziel der Klimaneutralität für Berlin bis 2050 besser zu erreichen. Dazu gehört der Ausstieg aus der Kohle und Ausbau erneuerbarer Energien, Weiterentwicklung des öffentlichen Personennahverkehrs, neue Radwege. Mit den Berliner Hochschulen haben wir zudem vereinbart, dass sie ihren CO2-Fußabdruck reduzieren. Das sind wichtige Beiträge. Wir werden aber auch noch mehr auf einen Dialog zwischen der Politik und der Wissenschaft setzen müssen, um den Herausforderungen wissensbasiert zu begegnen, neue Technologien zu entwickeln und auch Antworten auf die Folgen des Klimawandels zu finden. Ein wichtiger Partner soll dafür das neue Klimaforschungszentrum werden, in dem unsere Universitäten ihre Kompetenzen bündeln wollen. Dass Adlershof bei diesem und anderen zentralen Vorhaben in unserer Stadt eine wichtige Rolle spielt und spielen wird, versteht sich von selbst.

 

Das Interview führte Sylvia Nitschke für Adlershof Journal