„Wir müssen Infrastrukturen aktiv weiterentwickeln“
Dr. Jens Libbe, wissenschaftlicher Direktor am Deutschen Institut für Urbanistik, im CHIC!-Interview über die Herausforderungen beim Wandel von Wasser- und Wärmeinfrastrukturen
Wasser und Wärme gehören zu unseren elementarsten Grundbedürfnissen. Dennoch denken wir selten darüber nach, welche Netze, Anlagen und Planungsprozesse nötig sind, um sie zuverlässig bereitzustellen.
In vielen Städten beginnt sich der Blick auf diese Infrastrukturen gerade zu verändern. Der Wandel verläuft leise, schrittweise und meist abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit. Was das für die Kommunen bedeutet, weiß Dr. Jens Libbe. Als wissenschaftlicher Direktor (kommissarisch) am Deutschen Institut für Urbanistik befasst er sich seit vielen Jahren mit urbaner Infrastruktur, Stadtentwicklung und Transformationsprozessen.
Im Interview erklärt er, warum Wasser- und Wärmenetze heute anders gedacht werden müssen, wo es aktuell noch klemmt und wie Startups dazu beitragen können, diese Herausforderungen zu lösen.
Herr Libbe, warum bekommen die Infrastrukturen für Wasser und Wärme so wenig Aufmerksamkeit und was verändert sich gerade?
Das ist ganz einfach: Sie haben lange Zeit zuverlässig funktioniert. Solange Wasser aus dem Hahn kommt und die Heizung läuft, gibt es keinen Anlass, darüber nachzudenken. Das Problem ist, dass viele dieser Systeme aus Zeiten stammen, in denen die Rahmenbedingungen völlig andere waren. Heute haben wir Klimarisiken, geopolitische Unsicherheiten und eine tiefgreifende Energiewende. Gleichzeitig sehen wir einen erheblichen Investitionsrückstand. Die Infrastruktur funktioniert noch, aber sie ist nicht auf die Zukunft ausgelegt. Die bislang unsichtbaren Systeme geraten zunehmend unter Druck und werden damit zu einem zentralen Thema. Wir müssen sie jetzt aktiv weiterentwickeln, statt sie einfach nur zu betreiben.
Müsste die Öffentlichkeit stärker in diese Debatten einbezogen werden?
Ja, unbedingt. Die Diskussion um das Gebäudeenergiegesetz hat gezeigt, wie schwierig es ist, komplexe Infrastrukturthemen zu vermitteln. Viele Entscheidungen werden sehr spät erklärt, oft erst dann, wenn sie konkret werden und Menschen betreffen. Dabei wäre es wichtig, früher zu kommunizieren, warum Veränderungen notwendig sind und welche Alternativen es gibt. Wasser und Wärme sind keine abstrakten Themen – sie betreffen jeden Haushalt. Ohne Transparenz und Beteiligung wird die Akzeptanz für notwendige Maßnahmen kaum zu erreichen sein.
Wie gut sind Städte wie Berlin heute aufgestellt, wenn es um Wasser- und Wärmesysteme geht?
Man muss differenzieren. Bei der Wärmeplanung gibt es inzwischen klare gesetzliche Vorgaben. Die großen Kommunen sind verpflichtet, bis spätestens 2026 entsprechende Pläne vorzulegen, die kleineren haben zwei Jahr länger Zeit. Das bringt Struktur in einen Bereich, der lange sehr fragmentiert war. Beim Wasser sehen wir gerade erst, dass Knappheit überhaupt als Thema wahrgenommen wird. Die Nationale Wasserstrategie ist ein wichtiger Schritt, aber ihre Umsetzung steht vielerorts noch am Anfang. Berlin hat mit dem Masterplan Wasser und mehr als 30 Maßnahmen reagiert. Entscheidend wird sein, dass Wasser- und Wärmeplanung künftig stärker zusammengedacht werden – etwa bei der Nutzung von Abwärme oder bei geothermischen Lösungen.
Was bremst die Transformation aktuell am stärksten?
Ganz klar: Zeit. Wir hätten früher anfangen müssen. Viele Prozesse laufen jetzt parallel, unter hohem Druck. Hinzu kommen Engpässe bei Fachpersonal, in der Bauwirtschaft und in den Genehmigungsbehörden. Geld ist nicht immer das Hauptproblem. Oft fehlen schlicht Kapazitäten und eingespielte Abläufe. Außerdem unterschätzen wir, wie anspruchsvoll Kommunikation in diesem Feld ist. Infrastrukturwandel ist erklärungsbedürftig – und das kostet Zeit und Ressourcen.
Welche Rolle können Start-ups bei diesem Umbau spielen?
Eine sehr wichtige. Startups bringen häufig spezialisierte Lösungen, neue Perspektiven und eine hohe Innovationsgeschwindigkeit mit. Gerade im Bereich Daten, Modellierung und digitale Werkzeuge können sie helfen, komplexe Systeme besser zu verstehen und Entscheidungen zu unterstützen. Entscheidend ist dabei, dass diese Lösungen für Kommunen anschlussfähig bleiben. Dazu gehört nicht nur die technische Integration, sondern auch die Frage, wem Daten gehören und wie transparent mit ihnen gearbeitet wird. Offene Softwareansätze und nachvollziehbare Modelle können hier ein Vorteil sein, weil sie Abhängigkeiten reduzieren und Vertrauen schaffen. Gerade für öffentliche Verwaltungen ist es wichtig, dass Datenhoheit und Datenschutz gewahrt bleiben und Entscheidungsgrundlagen transparent sind. In diesem Spannungsfeld können Startups wichtige Impulse setzen – vorausgesetzt, ihre Lösungen lassen sich in bestehende Strukturen einbetten und unterstützen Gemeinwohlziele.
Gibt es Städte oder Ansätze, von denen man lernen kann?
Viele Kommunen machen derzeit spannende Erfahrungen, etwa mit digitalen Zwillingen oder integrierten Planungsansätzen. Köln, Leipzig oder Frankfurt sind Beispiele, in denen Wasser- und Energiefragen zunehmend gemeinsam betrachtet werden. Es geht weniger um einzelne Leuchtturmprojekte als um Lernprozesse: Wie lassen sich Daten besser nutzen? Wie können Szenarien durchgespielt werden, bevor investiert wird? Genau hier sehe ich große Potenziale.
Wenn Sie sich eine konkrete Maßnahme wünschen dürften: Was würde Wasser- und Wärmewende in Städten spürbar voranbringen?
Ein besserer Umgang mit Wasser im urbanen Raum. Grauwasser – also leicht verschmutztes Wasser aus Haushalten – wird bislang viel zu selten genutzt. Dabei ließe sich damit Trinkwasser sparen und gleichzeitig Energie gewinnen, etwa durch Wärmerückgewinnung. Solche Lösungen sind technisch machbar, aber regulatorisch und organisatorisch noch nicht ausreichend verankert. Wenn wir hier weiterkämen, wäre das ein großer Schritt nach vorn.
Kai Dürfeld für CHIC!
