Wärme mit Tiefgang
Tiefe Geothermie könnte Städten verlässliche, klimafreundliche Wärme liefern. Doch Planung und Bohrungen sind komplex und riskant. Das will das CHIC-Startup neowells ändern und bringt Know-how aus der Tiefbohrpraxis in die Wärmewende.
Wärme gilt als schlafender Riese der Energiewende. Fernwärmenetze sind dabei ein idealer Hebel, an dem man ansetzen kann. Sie versorgen ganze Quartiere oder Stadtteile, werden heute jedoch vielerorts noch aus fossilen Quellen gespeist. Wer diese Netze klimaneutral umbauen will, kommt mit kleineren Anpassungen nicht weit: Es braucht neue, verlässliche Wärmequellen. Und die sollten dauerhaft verfügbar, bezahlbar und möglichst emissionsfrei sein. Genau hier rückt die tiefe Geothermie in den Fokus. Doch der Weg dorthin ist technisch anspruchsvoll. Bevor aus heißem Wasser im Untergrund nutzbare Wärme wird, müssen Geologie, Bohrpfade, Fördermengen und Risiken belastbar bewertet werden. Und weil eine Tiefbohrung schnell in die Millionen geht, wiegt Fehlplanung besonders schwer.
Neowells unterstützt Kommunen und Stadtwerke dabei, Geothermieprojekte von der Machbarkeit bis zur Umsetzung zu entwickeln. Einer der Köpfe dahinter ist Andre El-Alfy. Der erfahrene Bohringenieur hat viele Jahre in der Öl- und Gasindustrie gearbeitet. Mit neowells will er dieses Tiefbohr-Know-how in die Wärmewende übertragen: „Wir müssen Projekte so aufsetzen, dass Risiken transparent werden und man sie beherrschbar machen kann.“
Tiefe Geothermie als Infrastruktur
Geothermie nutzt die Wärme, die im Inneren der Erde gespeichert ist. Ganz grob lässt sie sich in oberflächennahe und tiefe Geothermie unterscheiden. Erstere reicht bis zu 400 Meter in den Untergrund. Um die dort herrschenden Temperaturen auf Heizungsniveau anzuheben, sind elektrisch betriebene Wärmepumpen notwendig. Letztere hingegen geht deutlich tiefer, nicht selten vier bis sieben Kilometer. Dort herrschen dauerhaft Temperaturen zwischen 70 und 140 Grad Celsius. Die Wärme wird über einen geschlossenen Kreislauf und Wärmetauscher extrahiert und kann ohne Umweg über Wärmepumpen in Fernwärmenetze eingespeist werden. Der Strombedarf ist hier deutlich geringer und beschränkt sich im Wesentlichen auf den Betrieb der Pumpen.
Allerdings ist der Aufwand für die Bohrungen entsprechend hoch. Wirtschaftlich sinnvoll ist tiefe Geothermie deshalb nicht für einzelne Gebäude, wohl aber für die Versorgung ganzer Stadtteile oder Städte. Gerade für Kommunen, die ihre Wärmeversorgung langfristig dekarbonisieren müssen, ist das ein entscheidender Vorteil.
In der Praxis existieren in der Geothermie unterschiedliche technische Ansätze, die jeweils unter bestimmten geologischen Bedingungen funktionieren. Viele Anbieter sind auf einen dieser Ansätze spezialisiert. Neowells legt sich bewusst nicht auf ein einzelnes Verfahren fest, sondern prüft standortspezifisch, welche Lösung technisch sinnvoll und langfristig tragfähig ist. „Wir verkaufen kein Verfahren“, sagt Andre. „Unsere Aufgabe ist es, für einen Standort die bestmögliche Lösung zu finden.“ Dieser systemoffene Blick ist vor allem für Kommunen wichtig, die langfristige Infrastrukturentscheidungen treffen müssen und dabei keine Experimente, sondern belastbare Grundlagen brauchen. Ein zentraler Punkt ist die Risikobewertung, denn Unsicherheiten im Untergrund lassen sich nie vollständig vermeiden.
Vom Öl zum Untergrund der Zukunft
Die Erfahrung aus der Tiefbohrpraxis prägt auch einen weiteren Arbeitsbereich von neowells: den Umgang mit Altlasten der fossilen Vergangenheit. In Deutschland gibt es noch erstaunlich viele alte Öl- und Gasbohrungen, die fachgerecht verschlossen und dauerhaft gesichert werden müssen. Neowells plant und begleitet solche Rückbauprojekte. „Wer Bohrungen sicher stilllegen kann, weiß auch, wie man sie verantwortungsvoll plant“, sagt Andre. Für die Geothermie ist diese Erfahrung ein entscheidender Vorteil.
Organisatorisch arbeitet neowells bewusst schlank. Das Kernteam besteht aus rund 20 hoch spezialisierten Fachleuten, ergänzt durch ein Netzwerk externer Expertinnen und Experten. Der Sitz in Berlin – und damit im CHIC – ist strategisch gewählt: Hier laufen politische Weichenstellungen zur Wärmewende zusammen. Hier sitzen Stadtwerke, Verbände und Entscheidungsträger. Für neowells ist das der richtige Ort, um technische Expertise mit kommunalem Bedarf zu verbinden.
Langfristig sieht das Team tiefe Geothermie nicht als Nischentechnologie, sondern als tragende Säule klimaneutraler Wärmeversorgung. Besonders dort, wo bereits Fernwärmenetze existieren, ist die Vision klar: Wärme aus dem Untergrund soll für Städte so planbar und selbstverständlich werden wie heute Gas- oder Fernwärme aus fossilen Quellen. Damit das gelingt, braucht es Erfahrung, Systematik und den Mut, Infrastruktur neu zu denken.
Kai Dürfeld für CHIC!
