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01. September 2026

Therapie für den Alltag

Die App des Berliner Start-ups Kiso Mind hilft Schizophrenie-Patient:innen

Das Kiso-Health-Team v.l.n.r.: Rens Pennings (Software Engineer), Matthias Schultze-Kraft (Data Scientist), Sarah Mayr (Psychologin), Marco Anzaldo (CEO, Psychologe), Luca Anzaldo (CTO, Informatiker). Nicht im Bild: Mitgründer und Psychologieprofessor Kerem Böge. Foto: ©Kiso Health GmbH

Bei Depressionen oder Angststörungen sind digitale Therapien längst angekommen, bei Schizophrenie kaum. Kiso Health will das ändern und bringt psychotherapeutische Übungen per App direkt in den Alltag der Betroffenen.

Schizophrenien gehören zu den komplexesten psychischen Erkrankungen. Sie verlaufen häufig in Phasen. Wahnhafte Überzeugungen, akustische Halluzinationen und Antriebslosigkeit gehören zu den häufigsten Symptomen. Unbehandelt ist sozialer Rückzug beinahe vorprogrammiert. In Deutschland sind rund 800 000 Menschen davon betroffen. Medikamente helfen. Zusätzlich wird eine Psychotherapie dringend angeraten, um mit der Erkrankung gut im Alltag umgehen zu können. Genau daran fehlt es oftmals. 

Nur ein Bruchteil der Betroffenen erhält tatsächlich einen ambulanten Therapieplatz. „Viele Betroffene können es sich aufgrund ihrer Symptomatik gar nicht zumuten, dreißig verschiedene Therapeut:innen anzurufen“, sagt Marco Anzaldo. „Hinzu kommt, dass viele Behandelnde nicht auf Schizophrenien spezialisiert sind. Ohne Psychotherapie ist die Rückfallrate aber hoch. Das kann einen Krankenhausaufenthalt bedeuten. Mit jeder weiteren Episode sinkt die Chance auf eine vollständige gesundheitliche Erholung.“ Genau an dieser Versorgungslücke setzt Kiso Health an.

Herzstück des Berliner Start-ups ist Kiso Mind. Die Smartphone-App überträgt zentrale Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie in den Alltag der Betroffenen. Sie lernen dabei Strategien, um mit belastenden Gedanken, Ängsten oder sozialen Situationen besser umzugehen. Hinzu kommen Bausteine aus dem metakognitiven Training, bei dem die eigenen Denk- und Wahrnehmungsmuster hinterfragt werden. Manche Übungen dauern nur wenige Sekunden, andere mehrere Minuten.

Entwickelt wird Kiso Mind nicht am Reißbrett. „Wir arbeiten regelmäßig mit mehr als 50 Betroffenen zusammen, die uns helfen, die App zu verbessern“, sagt Anzaldo. Die Anwendung ist bereits als Medizinprodukt mit CE-Kennzeichen verfügbar und wird von ersten Behandlungsteams aus Kliniken und Ambulanzen eingesetzt. Zugleich wird sie wissenschaftlich untersucht. Eine erste Usability-Studie mit 19 Teilnehmenden ist abgeschlossen und veröffentlicht. Derzeit läuft an der Charité – Universitätsmedizin Berlin eine randomisiert-kontrollierte Pilotstudie, die erstmals auch Hinweise auf ihre Wirksamkeit liefern soll. Die Ergebnisse werden im November 2026 erwartet. Danach soll eine größere Wirksamkeitsstudie folgen.

„Schizophrenie ist im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen so exotisch und gleichzeitig so menschlich. Das hat mich von Anfang an fasziniert“, sagt Anzaldo. Nach seinem Master in Klinischer Psychologie begann er eine Psychotherapieausbildung und sammelte erste Erfahrungen mit Betroffenen. „Gleichzeitig bin ich sehr technikinteressiert“, erzählt er. „Ich habe mich gefragt, warum es für so viele andere psychische Erkrankungen Apps und digitale Therapien gibt, nicht aber für Schizophrenie.“ Der Funke war entzündet und die Idee zu Kiso Health geboren.

Mit seinem Bruder Luca holte er einen Informatiker und Softwareentwickler ins Team und mit Kerem Böge einen wissenschaftlichen Part. Der Psychologieprofessor leitet an der Charité den Forschungsbereich Psychosen und Schizophrenien. Zwei Förderprogramme halfen beim Start: erst das Berliner Startup Stipendium, dann EXIST. Im Juli 2024 wagten die drei den nächsten Schritt und gründeten die Kiso Health GmbH.

Mittlerweile ist das Team zu sechst und das Büro in der Gründungsvilla in Dahlem wurde zu eng. Deshalb ist Kiso Health im September 2026 ins Charlottenburger Innovations-Centrum CHIC gezogen und begeistert: „Mitten in Charlottenburg ist viel los und wir freuen uns auf den Austausch mit der Community.“

Im CHIC will Kiso Health weiter wachsen. Kiso Mind soll Teil der Regelversorgung werden. Dann könnten Krankenkassen die App erstatten und Ärztinnen oder Psychotherapeuten sie ihren Patient:innen verschreiben. Gleichzeitig soll die App persönlicher werden und mit künstlicher Intelligenz die Übungen besser auf die Nutzenden abstimmen. Aus einer Sammlung therapeutischer Angebote könnte so Schritt für Schritt eine individuellere Begleitung werden. Dabei denkt das Team längst über Schizophrenie hinaus. „Unsere große Vision ist, auch die Behandlung anderer komplexer psychischer Erkrankungen durch digitale Möglichkeiten deutlich zu verbessern“, sagt Anzaldo. 

Kai Dürfeld für Potenzial

Kiso Health - Digitale Begleitung bei Psychose und Schizophrenie

Potenzial – Das WISTA-Magazin. Ausgabe: Medizin, September 2026
  • Potenzial: Medizin (442 KB)
Potenzial IT / Medien Digitalisierung

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