„In der Diskussion entsteht das eigentliche Bild“
Im CHIC-Interview gibt Isabella Schukraft Einblicke hinter die Kulissen des Deutschen Gründerpreises und erklärt, was Start-ups für den Bewerbungsprozess beachten sollten
Start-up-Wettbewerbe versprechen Sichtbarkeit, Kontakte und im besten Fall einen kräftigen Schub für das eigene Unternehmen. Doch was passiert eigentlich hinter den Kulissen, wenn aus Hunderten Bewerbungen wenige Finalisten werden? Was macht eine Bewerbung überzeugend? Worauf achtet die Jury, wenn mehrere gute Unternehmen um die letzten Plätze konkurrieren?
Isabella Schukraft ist Projektleiterin des Deutschen Gründerpreises und leitet alle Jurysitzungen des Wettbewerbs. Im Gespräch erklärt sie, warum der Auswahlprozess so aufwendig ist, weshalb vollständige und verständliche Bewerbungsunterlagen oft den Unterschied machen und warum sich Start-ups vor einer Teilnahme genau fragen sollten, was sie von einem Wettbewerb eigentlich brauchen.
Frau Schukraft, viele Gründende sehen Wettbewerbe wie den Deutschen Gründerpreis als eine Art Blackbox. Wie transparent ist der Auswahlprozess tatsächlich?
Unser Auswahlverfahren ist sehr gründlich und entsprechend aufwendig, aber die einzelnen Schritte sind transparent. Auf unserer Webseite ist zum Beispiel ersichtlich, wann die Jurysitzungen stattfinden und welche Unterlagen dafür benötigt werden. Nach jeder Runde informieren wir die Unternehmen, ob sie weitergekommen sind. Wer ausscheidet, bekommt außerdem eine Begründung. Die Bewerbungen werden jeweils von zwei Jurymitgliedern unabhängig voneinander bewertet, und auch deren Feedback geben wir an die Unternehmen weiter. So können sie nachvollziehen, woran es möglicherweise gelegen hat: etwa an fehlenden Unterlagen, einem nicht ausreichend herausgearbeiteten Alleinstellungsmerkmal oder auch am Geschäftsmodell selbst.
Wie läuft das Auswahlverfahren konkret?
Zunächst prüfen wir im Projektbüro alle Bewerbungen formal und schauen, ob die grundlegenden Kriterien erfüllt sind. Danach folgen drei Juryrunden. Dabei wird jedes Unternehmen immer wieder von anderen Jurymitgliedern bewertet und anschließend gemeinsam diskutiert. Die Zahl der Kandidaten verringert sich so Schritt für Schritt. Mit den Nominierten führen wir zusätzlich Telefoninterviews, die Finalisten besuchen wir sogar in ihren Unternehmen. Dort sprechen wir auch mit den Beschäftigten und bekommen einen Eindruck von der Unternehmenskultur. Am Ende präsentieren die verbliebenen Gründerinnen und Gründer ihr Unternehmen persönlich vor der finalen Jury. Wer dort ankommt, ist also wirklich auf Herz und Nieren geprüft.
Sie leiten die Jurysitzungen selbst: Wie laufen die Diskussionen ab, insbesondere bei knappen Entscheidungen?
Die Diskussionen sind intensiv, denn uns ist bewusst, wie wichtig die Entscheidung für die Unternehmen ist. Gleichzeitig wollen wir natürlich die Besten und echte Vorbilder auszeichnen. Wenn mehrere Unternehmen wirtschaftlich ähnlich dastehen, schauen wir deshalb genauer hin: Wie innovativ ist die Idee? Wie stark ist das Alleinstellungsmerkmal? Kann sich das Unternehmen am Markt durchsetzen? Auch Themen wie Nachhaltigkeit oder die Zusammensetzung des Teams können in die Diskussion einfließen. Dabei gibt es nicht das eine Kriterium, das am Ende entscheidet. Es sind viele Argumente, die wir gegeneinander abwägen. Glauben Sie mir: Da steckt bei den Jurymitgliedern sehr viel Leidenschaft und Liebe zum Detail drin.
Wodurch überzeugen Bewerbungen in der Praxis wirklich? Was macht den Unterschied?
Vor allem durch vollständige und verständliche Unterlagen. Ein guter Businessplan sollte nachvollziehbar sein, die Zahlen müssen stimmen und das Alleinstellungsmerkmal muss auf Anhieb klar werden. Es ist sehr schnell ersichtlich, ob sich jemand wirklich Zeit für seine Bewerbung genommen hat. Das honoriert die Jury durchaus.
Für welche Start-ups lohnt sich die Teilnahme an Wettbewerben wie dem Deutschen Gründerpreis besonders?
Jedes Start-up sollte sich zunächst fragen: Ist das, was ich bei diesem Wettbewerb gewinnen kann, auch das, was mein Unternehmen gerade braucht? Wer vor allem Geld benötigt, ist beim Deutschen Gründerpreis zum Beispiel falsch. Denn bei uns gibt es kein Preisgeld. Dafür bieten wir intensive Beratung durch Porsche Consulting, Mentoring, ein großes Netzwerk und natürlich viel Öffentlichkeit. Das kann für ein Unternehmen enorm wertvoll sein. Aber auch die Aufmerksamkeit bedeutet Arbeit. Wer plötzlich im Fernsehen und in großen Zeitungen auftaucht, muss dafür Zeit einplanen. Deshalb empfehle ich, sich sehr genau anzuschauen, was ein Wettbewerb bietet und ob das zur aktuellen Situation des eigenen Unternehmens passt.
Welche Rolle spielen solche Auszeichnungen über die eigentliche Preisverleihung hinaus?
Die unmittelbare Aufmerksamkeit wirkt sicher einige Jahre nach und kann zum Beispiel auch bei Gesprächen mit Investoren helfen. Langfristig ist für mich aber vor allem das Netzwerk entscheidend. Unsere Finalisten werden Teil eines Alumni-Netzwerks und bekommen Coaches an die Seite gestellt, die möglichst genau zu ihren jeweiligen Herausforderungen passen. Daraus entstehen oft Geschäftsbeziehungen und Kontakte, die weit über die eigentliche Preisverleihung hinaus bestehen bleiben.
Und wenn es trotz innovativer Geschäftsidee, überzeugender Bewerbung und guter Entwicklung nicht klappt: Kann sich ein Unternehmen im folgenden Jahr erneut bewerben?
Unbedingt. Es gibt Jahrgänge, in denen sehr viele starke Unternehmen zusammenkommen. Dann kann auch ein gutes Start-up ausscheiden. Manchmal empfehlen wir sogar ausdrücklich, sich im nächsten Jahr noch einmal zu bewerben. Das kann etwa sinnvoll sein, wenn bis dahin eine Zulassung, ein Patent oder die nächste Finanzierungsrunde vorliegt.
Kai Dürfeld für CHIC!
