Im Gespräch mit Ulrich Unger
Der ehemalige Pilot kümmert sich um die Bewahrung deutscher Luftfahrtgeschichte
Seine Begeisterung für die Anfänge „fliegender Kisten“ und die Lebensleistung der ersten deutschen Pilotin, Amelie (Melli) Hedwig Boutard-Beese, ist ansteckend: Ulrich Unger, pensionierter Flugkapitän und promovierter Ingenieur für Flugbetriebsverfahren, brennt auch im „Unruhestand“ dafür, die Faszination Fliegen zu vermitteln, publiziert zahlreiche Schriften und Bücher und ist aktives Mitglied der Gesellschaft zur Bewahrung von Stätten deutscher Luftfahrtgeschichte (GBSL) e. V.
Adlershof Journal: Warum lässt Sie die Fliegerei nicht los?
Ulrich Unger: Ich bin nach wie vor fasziniert von den Anfängen der menschlichen Luftfahrt von Lilienthal bis in die 1910er Jahre, der technologischen Entwicklung der ersten brauchbaren Flugapparate und den damit unternommenen Flugversuchen, vom Wagemut der ersten Aviatiker und Aviatikerinnen, und nicht zuletzt von den eindrücklichen Flugschauen, die hier vor Ort am Flugfeld Berlin-Johannisthal stattfanden und zu denen bis zu 600.000 Menschen strömten. Außerdem bin ich froh, mein gesamtes berufliches und privates Leben mit der Luftfahrt verbracht zu haben, weil ich hier mehrheitlich angenehme Menschen treffen durfte.
In der GBSL frönen Sie dieser Leidenschaft und sorgen gleichzeitig für Geschichtsbewahrung.
Wir sind ungefähr 100 Journalisten, Historikerinnen und Luftfahrtenthusiasten, die seit der Gründung des Vereins 1991 bei Führungen während des Tages des offenen Denkmals, in der Langen Nacht der Wissenschaften oder als Programmpunkt des naturwissenschaftlichen Nachwuchswettbewerbs Jugend forscht bereits 12.000 interessierten Menschen das Flächendenkmal Flugplatz Johannisthal und den unikalen Aerodynamischen Park mit Windkanal, Trudelturm und Motorenprüfstand gezeigt haben. In unserem Katalog sind über 3.000 zugängliche Stätten der Luft- und Raumfahrt in Deutschland erfasst, wobei die Adlershofer zu den bedeutendsten zählen. Wir halten Vorträge, publizieren und gestalten Ausstellungen in Zusammenarbeit mit Museen und Forschungseinrichtungen wie dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) oder der Humboldt-Universität zu Berlin (HU). Besonderer Höhepunkt unserer Arbeit war die Flugschau 1995 in Johannisthal, die eindrucksvoll diesen historischen Ort deutscher Luftfahrt lebendig werden ließ.
Jetzt soll eine von der GBSL initiierte Veranstaltung an den 100. Todestag von Melli Beese erinnern.
„Fliegerinnen gestern und heute“ heißt eine Veranstaltung, auf der wir am 15. Januar im Forum Adlershof gemeinsam mit der Initiativgemeinschaft Außeruniversitärer Forschungseinrichtungen e. V. (IGAFA) und der WISTA Management GmbH diese ungewöhnliche Frau ehren und weibliche Vorbilder der Branche sichtbar machen wollen, in der Frauen immer noch in der Minderheit sind. Wir konnten dafür unter anderem Historikerin und Melli-Beese-Biographin Barbara Zibler, die Ehrenpräsidentin der Vereinigung Deutscher Pilotinnen e. V. (VDP) Hedi Sensen und Verkehrspilotin Julia Dörnte von der Vereinigung Cockpit e. V. gewinnen.
Warum ist Melli Beese auch für nachfolgende Generationen ein zeitgemäßes Vorbild?
Melli Beese schrieb einmal: „Fliegen ist notwendig, leben nicht“, doch der Weg zur Fliegerei war für eine Frau zu jener Zeit mehr als steinig. Sie musste sich gegen jegliche Etikette stellen, hartnäckig und vehement für ihr Ziel kämpfen: Ihr wurde der Zugang zur Ausbildung wiederholt verwehrt, die Kosten für den Unterricht waren höher als bei männlichen Kollegen, ihr Flugzeug wurde sabotiert. Dennoch gelang es Beese 1911 als erster deutscher Frau einen Flugschein zu erwerben. Danach betrieb sie nicht nur eine eigene Flugschule, sie entwarf und konstruierte außerdem Flugzeuge. Ihr nachzueifern, steht jedem Menschen gut zu Gesicht. Wir sind uns unserer heutigen Privilegien vielleicht nicht mehr so bewusst und benötigen mehr denn je Orientierung und Vorbilder im Leben. Melli Beese kann so ein Vorbild sein.
Peggy Mory für Adlershof Journal
