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02. Mai 2022

„Homo digitalis“ oder der Spaß an der Arbeit

Stephan Schäfer, Professor für Automatisierungstechnik an der HTW Berlin, über die Mensch-Maschine-Partnerschaft

Forscht an der Rolle des Menschen in automatisierten Systemen: Mensch-Maschine-Visionär Stephan Schäfer (im Bild links) © Britta Radike / HTW Berlin

Seit Jahrhunderten leben Menschen schon mit Maschinen. In der Zukunft – das scheint Konsens – werden diese Partnerschaften tiefer, reichhaltiger und umfassender als je zuvor. Daten, Rechenleistung und Konnektivität eröffnen neue Möglichkeiten, die wir heute noch kaum fassen können. Doch was bedeutet das für die Zukunft der Arbeit? Genau daran forscht Stephan Schäfer.

„Skynet“ lautet der Name der künstlichen Intelligenz, die im Hollywoodfilm „Terminator“ kurz nach ihrer Aktivierung einen Atomkrieg auslöst. Von diesem Zeitpunkt an müssen sich die überlebenden Menschen einer von Skynet ausgesandten Armee von sogenannten Terminatoren erwehren. Der Krieg gegen die Maschinen beginnt. Nicht weniger pessimistisch sah der Ausnahmewissenschaftler Stephen Hawking die Zukunft: „Anders als unser Intellekt verdoppeln Computer ihre Leistung alle 18 Monate. Daher ist es eine reale Gefahr, dass sie Intelligenz entwickeln und die Welt übernehmen.“

Die Frage „Mensch und Maschine“ oder „Mensch versus Maschine“, sagt Stephan Schäfer, Professor für Automatisierungstechnik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Berlin, „kann immer als Dystopie, also pessimistisch, oder als Utopie optimistisch beantwortet werden. Die Pessimist:innen sehen die Terminatoren, die Optimist:innen alternative Zielsysteme, also eher eine ‚Star-Trek‘-Welt.“ Schäfer selbst sieht sich als „Trekkie“. Die Mensch-Maschine-Partnerschaft ist für ihn die Zukunft. Technologie könne nicht verhindert werden. Es gehe darum, sie zu nutzen und als Gesellschaft entsprechende Rahmenbedingungen, Regeln und Normen zu schaffen.

Auch Toby Walsh, britisch-australischer Informatiker und Professor an der Universität New South Wales, forscht auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz und ist überzeugt, dass die Spezies „Homo sapiens“ in Kürze vom „Homo digitalis“ überholt, dass menschliches Denken von maschinellem Denken ersetzt werde. Er schreibt auch: „Dafür müssen wir heute die Weichen stellen. Wir müssen sicherstellen, dass die Menschen noch eine Aufgabe haben, ein Einkommen, dass sie ihre Zukunft selbst gestalten. Roboter sollen zwar die Arbeit übernehmen, uns Menschen aber niemals ersetzen.“

Die neueste „industrielle Revolution“ – die Industrie 4.0 – wird seit einigen Jahren auf allen Kanälen ausgerufen. Sie soll Unternehmen zu flexibleren Produktionsabläufen mit größerer Variantenzahl führen, soll Produktionsnetze resistenter auf Störungen und Maschinenausfälle reagieren lassen und IT-Technologien zu vernetzten Produktionsabläufen zusammenwachsen lassen. Betrachtet man die Diskussion darum, fokussiert sich diese vornehmlich auf technologische Aspekte und die Erhöhung der Produktionseffizienz. Dem Menschen in einer maschinendominierten Produktion bleibt nur eine Nebenrolle.

Doch so einfach sei es nicht, sagt Stephan Schäfer. Er forscht an der Rolle des Menschen in automatisierten Systemen, sozusagen an der Zukunft der Arbeit. Denn die Optimierung der Interaktionsprozesse zwischen Mensch und Maschine führt zu einer Verbesserung der Leistungsfähigkeit des gesamten Arbeitssystems. „Wir müssen Systeme entwickeln, die den Menschen ins Zentrum stellen, die sich dem Menschen anpassen. Dafür braucht es „menschenzentrierte Technologien“.

Automatisierung, künstliche Intelligenz, Roboter: Warum? Professor Walsh beantwortet die Frage so: „Für all die Arbeiten, die im Englischen mit ‚d‘ beginnen: dirty (schmutzig), dull (monoton, langweilig), dangerous (gefährlich) und difficult (schwierig). Warum Menschen in ein Bergwerk schicken, wenn ein Roboter das besser erledigen kann? Warum unendlich oft monoton eine Naht ziehen, wenn das eine Maschine genauso gut macht?”

Zukunft der Arbeit heißt für Stephan Schäfer: „Gebt den Menschen den Spaß an der produktiven Arbeit zurück. Mitarbeitende machen Qualität, Technologie kann keine Qualität erzeugen“, sagt er. Die adaptive Automatisierung kann dabei einen wertvollen Beitrag leisten.

„Der Gaming-Aspekt muss in die Produktion.“ Digitale Zwillinge, Lern-Apps, Vital-Daten-Beobachtung und Messung während der Arbeit, Herausforderungen und Spiel – für die einen eine Horrorvorstellung, für Schäfer die Zukunft. „Arbeitsbereiche müssen individueller werden, gesünder, kommunikativer und bildender. Automatisierung ist unser Werkzeug dafür, das wir nutzen müssen.“

Mit den neuen technologischen Möglichkeiten und mehr Rechenpower wird die Arbeit der Zukunft stärker menschen- und weniger maschinenzentriert sein. Der Fortschritt an den Schnittstellen Mensch-Maschine vollzieht sich im Moment sehr schnell und er verändert schon jetzt die Art und Weise, wie wir arbeiten. „Künftig wird Technologie viel selbstverständlicher ein Teil unserer Arbeitsumgebung sein. Und wenn sie in angemessene rechtliche und technische Regelwerke eingebettet ist, stehen die Chancen für ein harmonisches und ergänzendes Miteinander gut.“ 

Rico Bigelmann für POTENZIAL

Potenzial – Das WISTA-Magazin. Ausgabe: Mensch-Maschine-Partnerschaft / Mai 2022