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11. Mai 2026

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen

Essay von Martin Hyun, Autor und ehemaliger Eishockey-Profi

Illustration: Bauarbeiter zertrümmert Steinbrocken mit einem Presslufthammer, davor filmt sich ein Jugendlicher mit Smartphone und Ringleuchte
Illustration: Dorothee Mahnkopf ©WISTA Management GmbH

Als ich in der Mittelstufe war, pflegte ein Lehrer vor Klassenarbeiten zu sagen: „Arbeit macht das Leben süß, Faulheit stärkt die Glieder.“ Damals hielt ich diesen Satz für eine jener altmodischen Lebensweisheiten, wie sie auch im Ausdruck „Ora et labora“ aus der benediktinischen Tradition des frühen Mittelalters zu finden sind. Rückblickend denke ich manchmal, dieser etwas staubige Spruch war vielleicht einfach der verzweifelte Versuch eines Pädagogen, eine Klasse pubertierender Teenager davon zu überzeugen, dass Lernen weder eine Form der Folter noch eine Art Saisonarbeit sein sollte. Gemeint war damit nicht eine Geringschätzung körperlicher Arbeit, sondern ein pädagogischer Hinweis: Wer sich dem Lernen verweigert, entscheidet sich oft unbewusst gegen die Möglichkeiten, die Bildung eröffnet.

Meine Eltern kamen aus Südkorea nach Deutschland, als Teil jener Generation, die in den 1960er und 1970er Jahren als Bergarbeiter oder Krankenschwestern angeworben wurde. Der Satz von Max Frisch – „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“ – beschreibt ihre Realität treffend. Sie verließen ein Land, das nach Kolonialzeit und Krieg kaum Perspektiven bot. Arbeit war für sie keine Selbstverwirklichung, sondern Existenz und Verantwortung. Ein großer Teil ihres Lohns ging zurück nach Korea – für Familien, für Chancen, für Träume, die sie selbst aufgegeben hatten.

Wenn ich heute Schülerinnen und Schülern Videos von koreanischen Bergarbeitern unter Tage zeige, schauen sie mich oft an, als ginge es um eine ausgestorbene Welt. „Die sind da wirklich runtergefahren?“ Ja. Jeden Tag.

Für viele aus der Generation Z wirkt diese Realität so fern wie Schwarz-Weiß-Fernsehen.

Wie sehr sich der Begriff Arbeit verändert hat, wurde mir kürzlich mit meinem 15-jährigen Neffen Julian bewusst. Vor einem Geschäft in Düsseldorf stand ein junger Mann, umringt von Jugendlichen, die Selfies machten.

„Wer ist das?“, fragte ich. Julian schaute mich entsetzt an.

„Onkel …, weißt du das wirklich nicht?“ „Nein.“ „Das ist Brooklyn!“

Julian seufzte: „Onkel, du bist alt. Brooklyn hat über eine Million Follower auf TikTok.“

Während wir weiterliefen, wurde mir klar, wie sehr sich unsere
Vorstellung von Arbeit verschoben hat. Meine Generation hat Influencer lange belächelt – ohne zu ahnen, welche Bedeutung die Followerzahl einmal haben würde.

Früher galt: „Menschen tun Dinge, die sie nicht lieben, um sich später das leisten zu können, was sie lieben“, wie es der Vater eines amerikanischen Comedians auf den Punkt brachte. Dieser Satz hat auch heute noch Gültigkeit. Die Generation meiner Eltern arbeitete körperlich hart, oft unsichtbar. Arbeit bedeutete Disziplin, Verzicht und Verantwortung. Die Generation meines Neffen wächst in einer Welt auf, in der ein Smartphone und eine Idee genügen können, um Sichtbarkeit und Einkommen zu schaffen. Arbeit ist nicht mehr nur Pflicht – sie ist Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Der Unterschied ist weniger moralisch als historisch. Die einen lernten, dass Arbeit Verzicht bedeutet. Die anderen erleben sie als Möglichkeit zur Selbstverwirklichung. Der gesellschaftliche Blick darauf schwankt noch immer zwischen Bewunderung und dem Verdacht, dass das doch alles „keine richtige Arbeit“ sei.

Der Satz meines Lehrers klingt mir noch immer im Ohr: „Arbeit macht das Leben süß.“ Ich bin mir nicht sicher, ob er sich dabei Influencer vorgestellt hat. Aber neugierig wäre er gewesen. Manchmal denke ich daran, wenn ich zu Hause den Wischmopp in die Hand nehme und meine Frau lächelnd sagt: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“ Vielleicht ist das die einfachste Wahrheit über Arbeit – egal ob unter Tage, im Büro oder vor der Kamera: Am Ende gilt in allen Welten derselbe Grundsatz – erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Martin Hyun, studierte Politikwissenschaft, International Business und International Relations. Als erster koreanischstämmiger Profi spielte er in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) und war Juniorennationalspieler. Hyun ist Autor mehrerer Bücher, darunter „Ohne Fleiß kein Reis. Wie ich ein guter Deutscher wurde.“ Zuletzt veröffentlichte er mit Wladimir Kaminer den SPIEGEL-Bestseller „Gebrauchsanweisung für Nachbarn“.

Martin Hyun Official Homepage

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