Ein Tippfehler als Gründungsidee
DocGaid entwickelt digitale Assistenzsysteme, die den Praxisalltag vereinfachen – Schritt für Schritt, Formular für Formular
Während der Coronapandemie sitzt Nelli Wolf an der Rezeption der Berliner Zahnarztpraxis ihrer Mutter. Eigentlich studiert sie Zahnmedizin in Hamburg. Weil Präsenzveranstaltungen ausfallen und gleichzeitig Personal fehlt, übernimmt Wolf den Empfang. Dort erlebt sie einen Praxisalltag der aus unzähligen kleinen Unterbrechungen besteht: Anamnesebögen werden ausgedruckt, verteilt, kontrolliert, eingescannt und archiviert. Telefonnummern fehlen, Unterschriften ebenfalls. Patientinnen und Patienten müssen kontaktiert werden. Immer wieder. „Ich habe schnell gesehen, wie wenig effektiv das ist“, sagt sie heute.
Es sind keine spektakulären Probleme. Gerade deshalb fallen sie auf. Vier Seiten Papier pro Patient:in. Daten, die mehrfach übertragen werden. Ein Keller voller Aktenordner. Jeder einzelne Arbeitsschritt scheint selbstverständlich. Erst die Summe macht deutlich, wie viel Zeit sie kosten.
Zur selben Zeit erlebt Nerses Wolf den Praxisalltag aus Patientenperspektive. Wochenlang wartet er vergeblich auf seine Rechnung. Erst ein Anruf bringt die Ursache ans Licht: Aus einem handgeschriebenen „o“ war beim Abtippen ein „a“ geworden. Eine einzige falsche Eingabe genügte.
Für den Informatiker mit Spezialisierung auf Medizintechnik und künstliche Intelligenz wird dieser kleine Vorfall zum Ausgangspunkt einer größeren Überlegung. Warum werden Informationen auch heute noch mehrfach von Hand übertragen? Weshalb endet die Digitalisierung vieler Praxen genau dort, wo Patient:innen Formulare ausfüllen?
Aus diesen Erfahrungen entsteht DocGaid – nicht als Konkurrenz zu bestehenden Praxisverwaltungssystemen, sondern als Ergänzung. Die Software übernimmt jene Arbeitsschritte, die bislang zwischen Papier, Scanner und Tastatur liegen und fehleranfällig sind. Patientinnen und Patienten füllen Anamnesen auf dem Smartphone oder Tablet aus. Fehlende Angaben erkennt das System sofort. Daten müssen nicht erneut eingetippt werden. Ausdrucke, Scanvorgänge und Archivierung entfallen weitgehend.
Doch das eigentliche Ziel reicht weiter. Während einer Behandlung hört die Software zu. Nicht jedem Gespräch, sondern ausschließlich bei den medizinisch relevanten Informationen. Eine KI strukturiert die Dokumentation, erstellt Vorschläge für Befunde und unterstützt später bei der Abrechnung. „DocGaid hört zu und dokumentiert das Behandlungsrelevante“, beschreibt Nerses Wolf den Ansatz. Was banal klingt, kann im Praxisalltag Minuten sparen – bei jeder einzelnen Behandlung.
Dabei verstehen die Gründenden ihre Software nicht als Sammlung einzelner Funktionen. Online-Terminbuchung, digitale Anamnese, mehrsprachige Formulare, elektronische Einwilligungen, Aufklärungsvideos und KI-gestützte Dokumentation greifen ineinander. „Das ist eine Kette von Funktionen“, sagt Nelli Wolf. Genau darin liege der Unterschied zu vielen Insellösungen.
Bemerkenswert ist auch die technische Entscheidung im Hintergrund. Während viele Anbieter auf Cloud-Dienste setzen, bleibt DocGaid vollständig in der Praxis installiert. Sämtliche Daten verbleiben auf den vorhandenen Servern. Für das Gründungsteam geht es dabei nicht allein um Datenschutz. Sie rechnen damit, dass steigende Rechen- und Cloudkosten viele KI-Anwendungen künftig verteuern werden. „Unser USP ist, dass wir lokal sind“, sagt Nerses Wolf.
Noch befindet sich DocGaid in der Gründungsphase. Praxen nutzen die Software, jede Rückmeldung fließt in die Weiterentwicklung ein. Unterstützt werden beide von Beginn an von den Eltern. „Ohne sie“, sagt Nelli Wolf, „hätten wir nicht durchstarten können.“
Begleitet wird das Paar aber auch im Adlershof Startup Lab, einem Förderprogramm des Berliner Startup Stipendiums, das junge technologieorientierte Unternehmen mit Workshops, individuellem Mentoring und einem starken Netzwerk aus Unternehmen, Branchenpartnern und Expertinnen und Experten unterstützt. „Wir wollten nicht nur in unseren eigenen Räumen entwickeln“, sagt Nerses Wolf. „Wir profitieren hier enorm vom Netzwerk und von den erfahrenen Mentorinnen und Mentoren.“ Das Programm, in dessen erster Kohorte seit Juni 2026 sieben Teams gefördert werden, gibt den beiden den Raum, ihr Unternehmen Schritt für Schritt weiterzuentwickeln – ohne den Druck, möglichst schnell wachsen oder einen frühen Exit anstreben zu müssen. „Es soll gesund und bedacht wachsen“, sagt Nerses Wolf.
Die Geschichte von DocGaid beginnt deshalb nicht mit künstlicher Intelligenz. Sie beginnt mit einem falsch geschriebenen Buchstaben, einem Stapel Papier und der Erfahrung, dass Innovation oft dort entsteht, wo Menschen täglich dieselben kleinen Probleme lösen müssen.
Rico Bigelmann für Adlershof Journal
