Der lange Weg zum weißen Kittel
Die Plattform von Get2Germany hilft Ärzt:innen aus dem Ausland durch den Anerkennungsprozess
Der Mangel an medizinischem Personal beginnt oft nicht erst in Krankenhäusern und Praxen. Zwischen Sprachprüfung, Approbation und föderaler Bürokratie verlieren internationale Ärztinnen und Ärzte wertvolle Zeit. Das Start-up Get2Germany macht aus dem Labyrinth einen planbaren Weg.
Eine Ärztin aus Indien möchte in Deutschland arbeiten. Noch bevor sie ein Visum beantragt, muss sie Zeugnisse zusammentragen, Übersetzungen beauftragen, Beglaubigungen beschaffen und eine Frage beantworten, die ihre gesamte weitere Laufbahn bestimmt: In welchem Bundesland soll sie arbeiten? Berlin, Brandenburg oder Bayern? Die Antwort entscheidet über Behörden, Fristen und Verfahren. Erst danach beginnt der eigentliche Weg. Für viele internationale Ärztinnen und Ärzte dauert dieser Weg zweieinhalb Jahre.
René Rheimann kennt ihn bis ins Detail. Der Mediziner studierte an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und leitete bereits während der Coronapandemie als Student ein Impfzentrum. Dort arbeitete er erstmals eng mit Ärztinnen und Ärzten zusammen, die ihre Approbation in Deutschland erst noch erwerben mussten.
Fast jedes Gespräch führte früher oder später zum selben Thema: fehlende Informationen, widersprüchliche Zuständigkeiten, langwierige Verfahren.
„Jede und jeder hat über Probleme im Anerkennungsprozess gesprochen“, erinnert sich Rheimann. „Uns war relativ früh klar, dass wir genau dafür eine Plattform bauen wollten.“
Im Frühjahr 2024 haben er und sein Mitgründer, Wirtschaftsinformatiker Pasha Alidadi, Get2Germany gegründet. Heute begleitet das Unternehmen aus der Startup Villa der Freien Universität Berlin am Zukunftsort Südwest mehr als 3 500 Ärzt:innen aus über 80 Ländern. Die Plattform übersetzt einen hochkomplexen Verwaltungsprozess in eine nachvollziehbare Abfolge einzelner Schritte – von der Entscheidung für ein Bundesland über Sprachprüfungen und Dokumentenmanagement bis zur ersten Stelle im Krankenhaus.
„Der eigentliche Anerkennungsprozess folgt zwar festen Regeln“, erklärt Rheimann, „in der Praxis gleicht er jedoch einem Labyrinth.“ Je nach Herkunftsland unterscheiden sich die Voraussetzungen und Nachweise. Hinzu kommen
16 Bundesländer mit jeweils eigenen Abläufen. Zuständig sind Gesundheitsbehörden, Ärztekammern, Sprachschulen, Übersetzungsstellen,
Visa- und Ausländerbehörden. Für jemanden, der noch kein Deutsch spricht, entsteht daraus ein System, das selbst Fachleute nicht auf Anhieb überblicken.
Wer Medizin außerhalb der Europäischen Union studiert hat, muss zunächst Deutsch bis zu einem bestimmten Level lernen und anschließend eine medizinische Fachsprachprüfung bestehen. Es folgen die Anerkennung der Ausbildungsunterlagen, eine Berufserlaubnis und schließlich die Kenntnisprüfung, deren Anforderungen dem deutschen Staatsexamen weitgehend entsprechen. Erst danach wird die Approbation erteilt. „Die Komplexität musst du als Arzt oder Ärztin aber nicht selbst verstehen“, sagt Rheimann. „Das haben wir schon getan.“
Dabei versteht sich Get2Germany ausdrücklich nicht als klassische Vermittlungsagentur. Im Mittelpunkt stehen für das Unternehmen nicht Stellenangebote, sondern die Menschen hinter den Lebensläufen. Die Plattform kombiniert digitale Prozesse mit persönlicher Beratung und wertet kontinuierlich Erfahrungen aus tausenden Verfahren aus. Viele Probleme ähneln sich, obwohl jede Biografie anders verläuft. Genau daraus entsteht der eigentliche Mehrwert.
Auch politisch zeigt das Projekt eine strukturelle Besonderheit. Obwohl Deutschland dringend medizinische Fachkräfte sucht, bleibt die Anerkennung weitgehend föderal organisiert. Kleinere Vereinheitlichungen sind auf den Weg gebracht. Ein bundesweit einheitliches Verfahren ist jedoch nicht absehbar. Die Länder haben über Jahre eigene Strukturen aufgebaut – langsam, oft bürokratisch, aber funktionierend.
Während die Politik über Zuständigkeiten diskutiert, geht der Alltag weiter. Internationale Ärztinnen und Ärzte lernen Deutsch, sammeln Dokumente, warten auf Bescheide und bereiten sich auf Prüfungen vor. Irgendwann beginnt tatsächlich der erste Dienst im Krankenhaus. Er markiert dann jedoch nicht das Ende ihrer Reise. Sondern ihr vorläufiges Ziel.
Rico Bigelmann für Potenzial
Medizinische Anerkennung in Deutschland - Get2Germany
