Der Forschungskoordinator
Patrick Scheele verantwortet die wissenschaftliche Ausrichtung des Ferdinand-Braun-Instituts
„Ich wurde nicht enttäuscht“, sagt Patrick Scheele rückblickend auf die Erwartungen, mit denen er vor zwei Jahren die Stelle als Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Ferdinand-Braun-Instituts, Leibniz-Institut für Höchstfrequenztechnik (FBH) angetreten hat. Nach einem halben Berufsleben in der Privatwirtschaft, zuletzt als Vizepräsident und Leiter der Radarentwicklung bei einem in Ulm ansässigen Hersteller von Sicherungs- und Überwachungstechnik: „Es hat mich gereizt, Dinge auszuprobieren. Nach vorne zu denken.“ In einem Forschungsinstitut sei das möglich, in der Industrie, die sich nach Kundenwünschen zu richten habe, eher nicht.
Geboren vor 50 Jahren im badischen Schwetzingen, nennt sich Scheele selbst „äußerst technikfasziniert“. Von Kindesbeinen an: „Je mehr ich lerne, umso mehr weiß ich, was ich nicht weiß.“ Am Anfang stand ein Elektronikbaukasten für Zwölfjährige, mit dem er, obwohl noch unter der Altersschwelle, problemlos zurechtkam. Das wäre nicht erlernbar, meint er, „das ist eine Passion“. Programmieren brachte er sich selbst bei, es folgten ein Studium der Nachrichtentechnik und Elektronik in Mannheim und an der Technischen Universität Darmstadt, dort 2007 die Promotion. Da war er bereits bei einem Unternehmen im heimischen Schwetzingen untergekommen, das Instrumente zum Einsatz in der Raumfahrt produziert. Weitere Etappen waren ein Hersteller elektronischer Bauteile für Mobilfunkanwendungen in München sowie der Luft- und Raumfahrtkonzern EADS.
Eine Verbindung zu Adlershof hatte Scheele schon damals. Seit 2015 gehörte er dem wissenschaftlichen Beirat des FBH an, dessen Vorsitz er zwei Jahre später übernahm. Nach wie vor beeindruckt ihn das Institut, das er heute gemeinsam mit einer für Finanzen und Verwaltung zuständigen Co-Geschäftsführerin leitet, durch die „unglaublich große Bandbreite der Wertschöpfung“. Sie umfasse so unterschiedliche Bereiche wie Halbleiterforschung, Lasertechnologie, Quantenphysik.
Vor allem: „Wir sind nicht der rein naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung verpflichtet. Wir machen den mühsamen Teil.“ Also „nicht nur designen, sondern auch herstellen“. Was am Institut erdacht wird, wird dort gebaut und vermarktet.
Der anwendungsorientierte Ansatz folgt einer wirtschaftlichen Logik. Das FBH ist zu weniger als der Hälfte seines Etats grundfinanziert. Den Rest muss es auf dem Drittmittelmarkt einwerben: „Wir leben auch davon, dass andere Geld ausgeben, weil sie brauchen, was wir tun. Wir wollen, dass benutzt wird, was wir entwickeln.“ Was Scheele derzeit am Herzen liegt, ist zum einen das Thema Quantensensorik, eine Technologie „im Kükenstadium“, wie er sagt. Sie funktioniert im Labor. Damit sie alltagstauglich wird, müsste sie in handliche Geräte verpackt werden können. „Den Quantensensor in die Hosentasche zu bringen“, daran arbeitet Scheeles Institut. Das andere große Thema ist die Forschung an einer künftigen Halbleitergeneration, die das FBH in einem europäischen Verbund betreibt. Dabei gehe es auch darum, Silizium als Grundstoff in der Hochfrequenz- und Leistungselektronik mit anderen Materialien wie Indiumphosphid zu kombinieren. Diese „Heterointegration“ verbindet Vorteile mehrerer Technologien und lässt Systeme damit effizienter werden.
Mit all dem sieht Scheele sich und sein Institut „mittendrin“ in den technologischen Zukunftsfragen Europas. Abhängigkeiten abbauen, Resilienz aufbauen, über allem die große Vision digitaler Souveränität. Scheele zitiert den ehemaligen Chef der Europäischen Notenbank Mario Draghi mit der Forderung, die europäische Halbleiterproduktion zu verdoppeln. Erinnert an die High-Tech-Agenda der Bundesregierung, die sich weitgehend mit dem Forschungsprogramm seines Instituts decke: „Es passt für uns ziemlich gut.“ Wie sieht er dabei seine Rolle? Dafür sorgen, „dass die Wissenschaft ‚schnurrt‘, wie ein Motor und möglichst nicht gebremst wird.“
Dr. Winfried Dolderer für Adlershof Journal
