„Wir sind sehr geübt': Roland Sillmann, Geschäftsführer der WISTA Management GmbH, über Handwerk und Hightech, Wohnung kontra Werkstatt und den Gewerbehof 2.0

03. November 2020

„Wir sind sehr geübt“

Roland Sillmann, Geschäftsführer der WISTA Management GmbH, über Handwerk und Hightech, Wohnung kontra Werkstatt und den Gewerbehof 2.0

Roland Sillmann © WISTA Management GmbH

Roland Sillmann, Geschäftsführer WISTA Management GmbH © WISTA

Berlin wird als Tech- und Start-up-City charakterisiert. Wann und warum hat Berlin das Handwerk wiederentdeckt?

Will man Technologieunternehmen voranbringen, benötigt man Zulieferbetriebe und Kompetenzen in der Fertigung. Dafür sind handwerklich orientierte Betriebe enorm wichtig. Wir dürfen das Handwerk der Zukunft nicht so verstehen, wie das der Vergangenheit verstanden wurde. Handwerk verändert sich durch die Digitalisierungsprozesse und Verdichtung, die Wertschöpfungsketten verändern sich. Dafür müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Wir freuen uns auf diese Aufgabe und darüber, dass das Land Berlin uns damit betraut.

Handwerk/Gewerbe der Zukunft – was ist das Ihrer Meinung nach?

Stärker vernetzt als bisher. Der Handwerksbetrieb gemeinsam mit dem Hightech-Unternehmen. Digitalisierte Verkaufs-, aber auch Fertigungsprozesse. Neue erfolgreiche Unternehmensformen, an die wir heute vielleicht gar nicht denken. Im Technologiebereich haben wir gesehen, dass durch Nähe Dinge entstehen, die nicht vorhersehbar sind.

Welchen neuen Herausforderungen sieht sich das Handwerk gegenüber?

Eine große Herausforderung – wie im Hochtechnologiebereich – ist der Kampf um Beschäftigte. Eine andere: Die Optimierung von Arbeitsstrukturen, so dass – gerade in Berlin – Fahrtwege nicht 30 Prozent der Arbeitszeit ausmachen. Auch die Frage: Wie ist es möglich, sich durch gemeinsame Arbeit – unter Handwerksbetrieben oder mit Technologieunternehmen – so am Markt zu positionieren, dass es nachhaltig erfolgreich ist?

Wie kann die Expertise der WISTA helfen?

Wir sind sehr geübt darin, unterschiedliche Unternehmenstypen zusammenzubringen, zum Vorteil aller. Das machen wir schon mit Wissenschaft und Wirtschaft, mit jungen und etablierten Unternehmen. Diese Expertise können wir auch sehr gut anwenden, um das Handwerk mit Start-ups und Technologieunternehmen oder auch untereinander zu verbinden.

Gewerbehof – ein staubiges Wort. Wird es durch das Hinzufügen des Hybridteils moderner? Was steckt hinter der Idee?

Es geht nicht um die Modernisierung eines Wortes. Hinter der Bezeichnung Hybrid steckt die Idee, zwei sehr unterschiedliche Unternehmensformen – Start-ups und Technologieunternehmen einerseits und Handwerksbetriebe andererseits – in einer neuen Struktur so zusammenzuführen, dass sie miteinander arbeiten und gerüstet sind für die Zukunft. Das geht nicht in den alten Gewerbehöfen. Wir wollen etwas Neues schaffen, etwas Intelligentes, das gut in die Smart-City-Aktivitäten des Landes passt.

In der neuen Struktur kann auch mal Platz für eine Kita sein?

Genau. Vor Ort gibt es unterschiedliche Bedürfnisse. Wenn wir die neuen Gewerbehöfe errichten, dann steht der Wirtschaftsfördergedanke im Vordergrund. Wir können aber, falls notwendig, zusätzlich eine Arztpraxis, etwas für Sport oder Kultur oder eben eine Kindertagesstätte integrieren, wenn das für das Umfeld nötig ist und es den Ablauf im eigentlichen Gewerbehof nicht stört.

Wie hoch schätzen Sie den Bedarf an derartigen Höfen ein?

Schaut man auf Berlins Einwohnerzahl und darauf, wie knapp und teuer verfügbare Flächen werden oder wie schnell bestehende Werkstattflächen in Büroflächen umgenutzt werden, ergibt sich ein riesiger Bedarf, den wir mit den neuen Gewerbehöfen sicher nicht voll befriedigen werden. Aber wir setzen einen Impuls, schaffen ein Angebot, das auch anregen soll, z.  B. darüber nachzudenken, wie wir mehr Firmen auf gleicher Fläche unterbringen. Im Bürobereich ist das durch Co-Working lange geschafft.

Die WISTA setzt den Fokus darauf, aus Wissenschaft Wirtschaft zu machen. Wie passt das mit Tischlern und Friseuren zusammen?

Mit dem Tischler geht das sehr gut, mit dem Friseur nur begrenzt. Da unser Ansatz wirtschaftsfördernd ist, werden wir uns auf Handwerksbetriebe fokussieren, die in Wertschöpfungsketten integriert sind bzw. ein hohes Potenzial an Arbeitsplätzen direkt oder indirekt bieten. Private Investoren wie die Pandion AG realisieren ähnliche Ideen?

Wie unterscheiden sich diese Projekte von den neuen Gewerbehöfen der WISTA?

Unser primäres Ziel ist es, Wirtschaft zu fördern und nicht Erträge zu erzielen. Unsere Kernfrage lautet: Wie können wir Firmen unterstützen und wie können wir Firmen ansiedeln, die einen Mehrwert generieren, weil sie zusammen agieren? Wir haben keine finanzielle Renditeerwartung. Unsere Ziele sind Arbeitsplätze und Steuereinnahmen, wodurch wir eine Stadtrendite erzielen.

Welche Synergien versprechen Sie sich nicht nur in Richtung Handwerk/Gewerbe, sondern auch für die WISTA?

Einerseits lernt man Spannendes, wenn man unterschiedliche Unternehmenskulturen zusammenbringt und diese Erfahrungen dann wiederum auf andere Bereiche oder Branchen überträgt. Andererseits ist für unsere Technologieunternehmen in Adlershof, Charlottenburg, Dahlem oder Marzahn eine gute Zulieferstruktur enorm wichtig. Wenn wir Rahmenbedingungen für Wachstum schaffen wollen, braucht es den Zugang zu Wissen und Wissenschaft, zu Mitarbeitenden. Notwendig ist auch der Zugang zu Zulieferern, damit das ganze System funktioniert. Da setzen wir an und unterstützen das Handwerk, um diese Zulieferstruktur zu sichern.

Menschen brauchen Arbeit, sie müssen bezahlbar wohnen können. Wie sieht es aus auf dem Konkurrenzschlachtfeld von Wohnungs- und Gewerbebau?

Ich würde es nicht als Schlachtfeld bezeichnen. Die Flächen in der Stadt werden knapp, gleichzeitig wollen wir auch nicht alle Flächen zubauen. Da sind wir immer in Konkurrenz. In Adlershof sind viele Wohnungen gebaut worden. Das war wichtig. Wenn Talente an den Standort gelockt werden sollen, braucht er eine gewisse Urbanität. Deshalb kann auch Wohnungsbau Wirtschaftsförderung sein. Es gibt Flächen, auf denen es definitiv sinnvoll ist, einen Gewerbehof zu bauen, und solche, auf denen bevorzugt Wohnungen entstehen. Wir müssen beides tun.

Das Interview führte Rico Bigelmann für Potenzial – Das WISTA-Magazin

 

BERLINER GEWERBEHOF DER ZUKUNFT

  • Hybridgebäude:
    _ angepasst an lokale Bedarfe
    _ Erdgeschoss und 1. Etage: für Handwerk und Gewerbe
    _ Obergeschosse: für Start-ups und Technologieunternehmen
  • Bauweise:
    _ modular
    _ klimapositiv
    _ vernetzt
    _ recyclebar
    _ flexibel
  • Erste Standorte: Spandau, Lichtenberg
  • Baubeginn: 2021
  • Projektentwickler: WISTA Management GmbH
  • Kontakt:
    Jörg Israel
    Telefon: +49 30 6392-2216
    E-Mail: israel@wista.de
    www.wista.de
Potenzial: Gewerbehöfe 2.0
Potenzial – Das WISTA-Magazin. Ausgabe Berliner Gewerbehöfe der Zukunft 2020