Adlershofer Gesundheits­botschafter im Gespräch: Andrea Krah und Heinz Weißhuhn über Prävention in Unternehmen

27. Mai 2020

Adlershofer Gesundheits­botschafter im Gespräch

Andrea Krah und Heinz Weißhuhn über Prävention in Unternehmen

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Kann unternehmensübergreifendes Networking zum Erhalt von Gesundheit funktionieren? Zwei Gesundheitsbotschafter sprechen über Homeoffice, Führungsqualitäten und „ein Netzwerk der Möglichkeiten“.

Ein Interview von Ralf Blank für das Gesundheitsnetzwerk Adlershof (GNWA)

GNWA: Herr Weißhuhn, Sie sind Geschäftsführer der GefAA TELECONSULT UG und in Personalunion bereits seit zehn Jahren Controller von Kooperationsprojekten kleiner und mittelständischer Unternehmen, die damit Forschungs- und Entwicklungsziele anstreben. Warum sind Sie Gesundheitsbotschafter geworden?

Weißhuhn: Als Einpersonenunternehmen war ich auf der Suche nach Kooperationsmöglichkeiten im betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM). Da kam die Initiative zum Aufbau eines unternehmensübergreifenden Gesundheitsnetzwerks hier in Adlershof gerade recht. Zunächst einmal hatte ich mich für einige der veröffentlichten Angebote des im Entstehen begriffenen Netzwerks interessiert, Seminare sowie einen Einführungskurs zum Faszientraining besucht. Dadurch lernte ich die Protagonisten des Netzwerks und andere Interessierte kennen. Das Konzept hat mich überzeugt, ich habe davon profitiert. Da wollte ich gern etwas zurückgeben. So wurde ich Gesundheitsbotschafter.

GNWA: Frau Krah. Wie sieht Ihr persönliches Engagement als Adlershofer Gesundheitsbotschafterin aus? Sie arbeiten seit über drei Jahren als technische Assistentin bei der Firma Biopract GmbH hier in Adlershof.

Krah: Ich stelle die Angebote und Kurse des Gesundheitsnetzwerks in unserer Firma vor und beantworte Fragen dazu. Ich versuche, spezielle körperliche Belastungen am Arbeitsplatz aufzuspüren und zu verbessern. Mittlerweile konnte ich eine täglich stattfindende „Aktive Pause“ in der Firma etablieren. Durch kleine Aktionen versuche ich auf eine gesunde Ernährung aufmerksam zu machen, z. B. keine Süßigkeiten am Arbeitsplatz während der Fastenzeit.

GNWA: Ist diese Aufgabe neben vielen anderen, die Sie vermutlich zu bewältigen haben, machbar?

Weißhuhn: Eine Aufgabe mit überschaubarem Aufwand, den ich auch als Einzelkämpfer leisten kann. Der Kreis der Gesundheitsbotschafter/innen trifft sich etwa vierteljährlich, um sich über die unternehmensindividuellen BGM-Bedarfe auszutauschen und so Anregungen für die Ausgestaltung des Gesundheitsnetzwerks zu erarbeiten. Umgekehrt erfahren wir bei diesen Treffen aus erster Hand, welche Angebote gut angenommen werden, was noch geplant ist. Im Anschluss versuche ich, dies alles in meinem Umfeld hier in Adlershof bekannt zu machen.

GNWA: Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit dem Gesundheitsnetzwerk Adlershof? Haben Sie ein konkretes Beispiel für mich?

Krah: Durch die Teilnahme am Pupillographen wurde ich für die Wichtigkeit eines gesunden Schlafes sensibilisiert. Auch Erkenntnisgewinn über Stärken und Schwächen unseres Betriebes im Adlerhof-Vergleich durch die Auswertung des „Adlershof-Barometers“.

GNWA: Vielleicht noch ein weiteres?

Weißhuhn: Ein Stichwort dazu? Interaktion. Das zieht sich durch alle Angebote. Die Seminare sind dadurch lebendig und sehr praxisbezogen. Die präventiven Kursangebote, wie zum Beispiel das Faszientraining für Einsteiger und Fortgeschrittene, bieten die Chance, sich auszuprobieren und mit den gewonnenen Erfahrungen den beruflichen Alltag zu bereichern. Ich halte es jedenfalls so. Für mich als Gesundheitsbotschafter kommt noch der inspirierende Erfahrungsaustausch hinzu, bekanntlich eine der effizientesten Zeit-Investitionen.

GNWA: Wohin sollte sich das Netzwerk entwickeln?

Weißhuhn: Auf jeden Fall in die Breite. Die Fülle der Angebote ist bereits beachtlich. Es ist ein Netzwerk der Möglichkeiten. Nutzen muss man sie schon selbst. Dafür muss der Bekanntheitsgrad weiter erhöht werden. Mit meiner Mitwirkung will ich vor allem dies unterstützen.

GNWA: Weitere Herausforderungen?

Krah: Bessere Vernetzung der ansässigen Firmen in Adlershof, Sensibilisierung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern für Gesundheitsprävention, Pool von „Beratern“, auf die jedes Unternehmen individuell zugreifen kann (zum Beispiel bei Fragen zur Ernährung und Stress).

GNWA: Frau Krah, Sie sprachen das „Adlershof Barometer“ an, also eine in 2019 durchgeführte Online-Befragung der Beschäftigten. Diese hat drei Handlungsfelder herausgearbeitet, nämlich Schlaf, Arbeitsflexibilisierung und Pendeln. Welche der genannten hat für Adlershof die größte Relevanz? Was meinen Sie?

Krah: Flexibleres Arbeiten ermöglicht es, Verkehrsspitzen zu vermeiden und dadurch ergibt sich ein Zeitgewinn. Ich selbst habe einen Anfahrtsweg von 50 Minuten und finde das auf Dauer sehr belastend. Aber alle drei Punkte sind durchaus ineinander verzahnt.

GNWA: Wie sehen Sie persönlich oder Ihr Netzwerk das?

Weißhuhn: Auf jeden Fall die Arbeitsflexibilisierung. Hier sehe ich die größten Chancen zur Ausgestaltung von Geschäftsabläufen bis hin zur Weiter- oder Neuentwicklung ganzer Geschäftsfelder. Dies ist ein gesamtgesellschaftlicher Trend, nicht zuletzt befeuert durch solche technologischen Innovationen, wie sie unter dem Schlagwort Digitalisierung verhandelt werden. Wandel ist aber immer auch Herausforderung. Wir erleben dies gerade exemplarisch am Beispiel einer Pandemie. Das Homeoffice ist derzeit in aller Munde…

GNWA: Das möchte ich gerne aufgreifen. Bei einem sogenannten „entgrenzten Arbeitstag“, also verbunden mit dem Risiko, dass Homeoffice in alle denkbaren Richtungen zerfasert oder ausufert; wie achten Sie dabei auf sich? Wie wirken Sie diesem entgegen?

Weißhuhn: Das ist ganz wesentlich eine Frage der Arbeitsorganisation, wie beim am Firmenstandort angesiedelten Arbeitsplatz auch. Wenn es dort nicht nötig ist, eine jederzeitige Erreichbarkeit zu gewährleisten, sollte es auch zu Hause nicht anders sein. Konkret ist das allerdings nur anhand des Einzelfalls zu organisieren. Mit meinen Projektpartnern habe ich zum Beispiel die gegenseitige Erreichbarkeit analog zu üblichen Büroarbeitszeiten vereinbart. Eine für alle Beteiligten gesunde Lösung.

GNWA: Das sind sehr gute Tipps. Welche Erfahrungen haben Sie bzw. Ihre Kolleginnen und Kollegen mit „Homeoffice“ bisher gemacht?

Krah: Für Laborpersonal ist das Arbeiten im Homeoffice generell schwer umsetzbar. Nichtsdestotrotz sehe ich den Zeitgewinn bei langen Anfahrtswegen oder konzentriertem Arbeiten, da kein „Publikumsverkehr“, vorteilhaft. Nachteilig ist, dass arbeitsrelevante kurze Absprachen nicht stattfinden.

GNWA: Hier interessiert mich die Rolle von Führungskräften. Wird sich Führung von Mitarbeitenden verändern?

Krah: Da spontane Nachfragen oder Gespräche schlechter möglich sind, ist ein schriftliches Festhalten von Aufgabenstellungen wichtig. Bei Führung auf Distanz geht das Gespür für die zwischenmenschlichen Belange am Arbeitsplatz verloren.

GNWA: Ein wichtiger Aspekt, der auch in Impulsangeboten rund um das Homeoffice und die individuelle Bewältigung von Stressoren aufgegriffen wird. Was ist mit Empowerment oder Changemangement?

Weißhuhn: Führung wird noch stärker auf Zielsetzungen und Kompetenzentwicklungen setzen. Von den Mitwirkenden wird in wachsendem Maße Selbstständigkeit bei der Aufgabenerfüllung abverlangt werden. Doch wie schon in der Vergangenheit wird dieser Prozess im Einzelnen in sehr unterschiedlicher Geschwindigkeit ablaufen. Das Management solcher Veränderungsprozesse betrachte ich als eine sehr anspruchsvolle Führungsaufgabe.

GNWA: Hat unternehmensübergreifende Vernetzung zur Gesunderhaltung der Beschäftigten überhaupt eine Chance? Nicht selten scheitern Projekte zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement, sogar wenn diese nur in einem Unternehmen durchgeführt werden. Ich beziehe mich dabei auf die #whatsnext-Studie. Und schon sind wir wieder bei den Führungskräften.

Krah: Nur wenn die Führungskräfte selbst die Notwendigkeit von Stress-, Gesundheitsprävention erkennen, werden sie gezielte Angebote für die Belegschaft fördern und zum Beispiel durch Freistellung unterstützen.

Weißhuhn: Gesundheitsprävention geht alle Beschäftigten an. Doch in hierarchisch organisierten Einrichtungen, wie es Unternehmen meist sind, steht und fällt der Erfolg mit der Qualität der Führung - auch auf dem Gebiet des BGM. Deshalb ist es wichtig, gerade Führungskräfte für dieses Thema weiter zu sensibilisieren. Eine gesunde, leistungsfähige und leistungsbereite Belegschaft liegt schließlich im ureigensten Interesse jedes Unternehmens. Schwierig wird es leider häufig bei der konkreten Umsetzung. Da können individuelle, kollektive und gesamtgesellschaftliche Interessen leicht kollidieren.

GNWA: Welchen Support gibt es dazu?

Weißhuhn: Fündig werden kann man bei dieser Suche zum Beispiel in den Führungskräfteseminaren.

GNWA: Gehen wir auf alle Beschäftigten zurück. Welche aktuellen Hauptstressfaktoren am Arbeitsplatz vermuten Sie?

Weißhuhn: Zeitdruck. Auch wenn wir meinen, dass dies häufig „nur“ eine Frage der Organisation ist, wird die Konfrontation mit dem Widerspruch zwischen Zielen und Ressourcenverfügbarkeiten den beruflichen Lebensweg immer wieder begleiten. Davon bin ich überzeugt. Damit so umgehen zu können, dass dies nicht zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führt, kann erlernt werden.

GNWA: Sie bieten gleich den Leserinnen und Lesern die Lösung zu meiner Frage an. Ist Zeit der alleinige Stressor?

Krah: Ich möchte weitere ergänzen: Hohes Arbeitspensum, Bildschirmarbeit und Mobbing.

GNWA: Das sind wichtige Hinweise. Wie kann das Gesundheitsnetzwerk bei der Bewältigung und Bearbeitung unterstützen?

Weißhuhn: Zu empfehlen wäre hier ein Blick ins Internet: www.adlershof.de/gesund/aktuelle-angebote/ - auch wenn man da ein wenig scrollen muss.

GNWA: Alles kostenlos für Beschäftigte und Unternehmen vor Ort. Gebucht und zusätzlich interagiert wird über eine Applikation, die sich ermunternd „Gesund & Clever“ nennt. Vielen Dank für das Gespräch. Ich hoffe, das Gesundheitsnetzwerk Adlershof gewinnt viele weitere engagierte Botschafterinnen und Multiplikatoren wie Sie.

Noch eins: Wie halten Sie sich fit? Haben Sie einen Tipp für andere Beschäftigte?

Krah: Als begeisterte Triathletin mache ich eher zu viel Sport als zu wenig. Möglichst viel Bewegung an der frischen Luft und raus in die Natur. Da fällt mir noch mehr ein: Arbeitszeit durch aktive Pausen unterbrechen und das Rad für den Weg zur Arbeit nutzen.

Weißhuhn: Da gibt es kein Patentrezept. Ich selbst habe einen großen Rückhalt in der Familie und erlebe im beruflichen Alltag ein gutes Feedback von meinen Projektpartnern. Angeregt durch das Gesundheitsnetzwerk nehme ich hier am Standort einmal wöchentlich an einem Kurs zur Verbesserung der Beweglichkeit teil. Zum Konditionstraining lasse ich auf dem Arbeitsweg öfter mal das Auto stehen, den von mir ansonsten geschätzten ÖPNV links liegen und nehme auch das Fahrrad. Allerdings: Wenn das mit dem Homeoffice noch zunimmt, muss mir dafür wohl etwas anderes einfallen.

 

Kontakt:

Ralf Blank
Projektleiter Gesundheitsnetzwerk Adlershof
projekt-adlershof@t-online.de

www.adlershof.de/gesund/